Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Pia Hemmerling bei der Tastuntersuchung.

Die Chance, sich selbst zu retten

Handicap als Begabung

„Sie haben mir das Leben gerettet.“ Solche Sätze machen die Medizinische Tastuntersucherin (MTU) Pia Hemmerling stolz und verlegen zugleich: „Das ist übertrieben. Ich finde, die Frauen retten sich selbst, wenn sie zur Untersuchung kommen.“

Bei Brustkrebs gilt: Je früher er entdeckt wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung. Und MTU besitzen wegen ihrer Sehbehinderung eine besondere Begabung. Wer einmal versucht hat, Blindenschrift zu erfühlen, weiß, wie wenig Normalsehende für Tastinformationen sensibilisiert sind.

Ursprünglich sah alles danach aus, dass Pia Hemmerling ihre Hände beruflich nur am Computer einsetzen würde. Doch als ihre Sehkraft mit Anfang 20 rapide nachließ, brach sie die Ausbildung zur Reiseverkehrsfachfrau ab. „Ehrlich gesagt, war ich nicht sonderlich gefrustet. Ich hatte damals schon gemerkt, dass langes Bürositzen eigentlich nichts für mich ist und habe dann erst einmal im Dunkelrestaurant gejobbt.“ Das Thema Seheinschränkung war ihr nicht neu, denn sie lebt mit der Diagnose Grüner Star schon seit frühester Kindheit. Heute ist sie auf einem Auge blind, auf dem anderen bleiben fünf Prozent Sehkraft. „Ein Gast hat mir vom neuen Berufsbild der MTU erzählt. Bei der weiteren Recherche habe ich gedacht: Das ist genau mein Ding. Da arbeite ich direkt am Menschen.“ Kurzentschlossen hat sie die neunmonatige Ausbildung begonnen. „Sich so jung so intensiv mit Krebs zu beschäftigen, das fordert nicht nur fachlich, sondern auch emotional. Aber meine Ausbilderin hat mich super betreut und vorbereitet. Davon profitiere ich heute noch.“

Lebendiges BFW
Wenig begeistert war sie zunächst davon, im Internat des BFW Düren zu wohnen, einem der wenigen Ausbildungsorte in Deutschland. Denn sie hatte schon ihre ganze Schulzeit sehr behütet im Internat verbracht und nur ein Jahr lang die Unabhängigkeit in ihrer ersten eigenen Wohnung genossen. „Aber das kann man gar nicht vergleichen. In der Schule musste ich mir das Zimmer mit anderen teilen. In Düren war ich meine eigene Herrin: Der einzige Zimmergenosse war mein Blindenhund“, sagt die 29-Jährige. Meistens verbrachte sie die Abende dann doch in der Gesellschaft anderer Rehabilitanden, nachdem sie einige der vielen Freizeitangebote genutzt hatte. „Ich habe Blindenschießen kennen- und liebengelernt. Dabei konnte ich hervorragend entspannen. Insgesamt war das BFW ein sehr lebendiger Ort.“ Mittlerweile kann sie auf sieben Jahre Berufserfahrung für discovering hands® zurückblicken und teilt diese als Lehr-MTU mit neuen Auszubildenden. Die dazu erforderliche Weiterbildung fand wieder im BFW Düren statt. „Es war ein schönes Wiedersehen. Vor allem mit meiner Ausbilderin, dank der ich heute so vielen Frauen die Chance geben kann, sich selbst zu retten.“

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