Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Uwe Seeler im Portrait

Menschen im Zusammenspiel

„Uns Uwe” im Gespräch mit Visio-N über die Blindenfußball-Bundesliga

Zu einer Zeit, als Pelé und Eusebio aktiv waren, galt er als einer der besten Mittelstürmer der Welt. Mit dem Hamburger SV gewann er die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und schoss sich 1963/64 mit 30 Treffern zur ersten Torjägerkanone der Bundesligageschichte – heute ist er als DFB-Ehrenspielführer u.a. Botschafter der Blindenfußball-Bundesliga. Uwe Seeler im Interview mit Visio-N über außergewöhnliche Leistungen und gelebte Normalität.

Als DFB-Ehrenspielführer haben Sie auch schon die Schirmherrschaft der Blindenfußball-Bundesliga übernommen. Wie kam es dazu? Welches persönliche Interesse haben Sie an dem Thema Sehbehinderung?

Schließen Sie doch einmal für einen kurzen Moment Ihre Augen und versuchen Sie, sich ohne Sehfähigkeit zu orientieren. Merken Sie, wie schwer die Orientierung fällt? Umso mehr fasziniert mich das Ballgefühl und die Orientierungsfähigkeit der blinden und sehbehinderten Menschen. Ich bin immer wieder beeindruckt von den sportlichen Leistungen im Blindenfußball und kann es mir bis heute nicht erklären, wie es funktioniert. Daher ist mein Interesse ganz klar: der Blindenfußball hat in Deutschland verhältnismäßig spät begonnen und die Liga und deren Mannschaften befinden sich noch im Aufbau. Deswegen bin ich mit Freude als Botschafter der Sepp-Herberger-Stiftung für die Blindenfußball-Bundesliga engagiert und versuche zu unterstützen, wo es mir möglich ist, um diese faszinierende Fußball-Facette bekannt zu machen. Die sportlichen Leistungen der Blindenfußballer und ihre Willenskraft verdienen das Höchstmaß an Respekt, Anerkennung aber auch Unterstützung.

Inwiefern haben Sie die Lebenswelt sehbehinderter und blinder Menschen kennengelernt?

Als Vollblutfußballer ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, selbst einmal unter der Dunkelbrille auf ein Tor zu schießen. Ich muss aber gestehen, dass mir geholfen wurde: Ich stand genau vor dem Ball und konnte mir daher einprägen, wohin ich den Ball ins Tor schießen musste. Nichtsdestotrotz bekam ich eine Vorstellung davon, wie hoch konzentriert man als blinder und sehbehinderter Mensch bei diesem Sport sein muss, wenn man alleine nach Gehör spielt …

Sie haben schon einige Spiele der BLINDENFUSSBALL-Bundesliga besucht. Wie beurteilen Sie, als ehemaliger Weltklassespieler, die Intensität des Spiels und die Qualität der Spieler?

Ich bin immer wieder beeindruckt über die Ballfertigkeit der Aktiven. Die Qualität der Spiele stimmt. Der Blindenfußball ist mindestens genauso rasant und mitreißend wie das Spiel Sehender. Den zweiten Spieltag der aktuellen Saison im Mai diesen Jahres besuchten viele Tausend Besucher auf dem Hamburger Rathausmarkt – ich denke, dass diese Zahl eindrucksvoll für die Qualität des Blindenfußballs spricht!

“Sport und Integration“ – das sagt sich mittlerweile ganz selbstverständlich in einem Atemzug, auch dank einer Nationalelf, die sich aus Spielern mit ganz unterschiedlichen Migrationshintergründen zusammensetzt. Kann “Sport und Inklusion“ ein ähnlicher Slogan werden? Oder ist es beim Thema “Behinderung“ schwerer, zwischenmenschliche Hürden zu überwinden?

Aber natürlich! Die Blindenfußball-Bundesliga wirbt doch für die gesellschaftliche Integration behinderter Menschen, denn der Sport und besonders der Fußball können hier mit ihrer integrativen Kraft viel leisten! Der Kampf um den rasselnden Ball im Blindenfußball schafft Gemeinsamkeit und leistet so einen wichtigen Beitrag für das Zusammenleben von Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung. Ein Teil der Spieltage der Blindenfußball-Bundesliga findet genau deshalb in Innenstädten statt, um den Menschen zu zeigen: Menschen mit Behinderung stehen mitten im Leben – sie arbeiten, studieren und sie spielen Fußball. Warum auch nicht?

Wer im Laufe der Zeit seines Lebens erblindet, spürt häufig Verzweiflung. Einige Menschen zerbrechen darüber; jene aber, die den Kampf für ein selbstbestimmtes, auch berufliches, Leben annehmen, wachsen an der Aufgabe. Glauben Sie, dass jemand, der sein Leben lang Teamsport, z.B. Fußball im Verein, gespielt hat, besser auf eine solche Situation vorbereitet ist als andere?

Man darf in den Fußball nicht zu viel hinein interpretieren, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass es leichter fällt, in einem starken Umfeld aus Familien und Freunden einen schweren Schicksalsschlag zu überwinden. Hier kann auch eine Mitgliedschaft im Sportverein wertvoll sein. Man spricht ja häufig von der „Fußballfamilie“. Menschen brauchen einander, denn sie sind soziale Wesen. Der Blindenfußball ist eine tolle Antwort auf ihre Frage. Er zeigt uns, zu welchen außergewöhnlichen Leistungen blinde und sehbehinderte Menschen in der Lage sind, die ihr Schicksal angenommen haben. Sie treten als Team auf und begeistern mit ihrem Sport die Menschen. Sie haben sich nicht aufgegeben! Zudem: Um im Sport erfolgreich zu sein, muss man kämpfen, man benötigt diesen sportlich-fairen Kampfgeist.

Was glauben Sie, sind die Voraussetzungen dafür, dass Inklusion nicht nur gesetzlich vorgeschrieben (wie z.B. am Arbeitsplatz) sondern gesamtgesellschaftlich im Alltag gelebt werden kann?

Ich glaube, dass der Sport hier sehr viel dazu beitragen kann und dies künftig noch stärker tun wird. Inklusion bedeutet für mich, dass jeder Mensch als „normal“ angesehen und auch so behandelt wird. Mit der Sepp-Herberger-Stiftung setzen wir uns dafür ein, dass bundesweit all diejenigen, die mit einer Behinderung Fußball spielen möchten, dies dort tun können, wo es mehr als 6,5 Millionen Menschen bereits tun – in den bundesweit knapp 26.000 Fußballvereinen. Damit das bundesweit gelingt, wirken in allen 21 Landesverbänden des DFB Inklusionsbeauftragte. Wir wollen helfen, Barrieren abzubauen und Menschen im sportlichen Geschehen zusammenbringen. Dabei sehen wir gerade bei den Kindern und unserer Initiative „Fußballfreunde“ tolle Erfolge. Das soll Normalität werden – denn das Schönste im Leben ist doch, normal zu sein!

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