Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Verene Bentele im Portrait

Die Inklusion in den Köpfen

Dass man auch als Geburtsblinde sicher ins Ziel treffen kann, beweist Verena Bentele: Im paralympischen Biathlon und Skilanglauf gewann sie zwölf Goldmedaillen und wurde vier Mal Weltmeisterin. Der Erfolg hörte mit dem Ende der sportlichen Karriere aber nicht auf: Sie absolvierte ihr Studium, arbeitet heute als Motivationstrainerin und ist im Wahlkampfteam der bayrischen SPD. Im Interview spricht sie darüber, wie man Hürden überwindet und Brücken zu Mitmenschen baut.

Sie haben während und nach Ende Ihrer Karriere ein leseintensives Studium absolviert. Was waren die größten Herausforderungen dabei?

Besonders die Literaturrecherche ist immer sehr langwierig gewesen. Wo sehende Menschen einfach mal schnell einen Text überfliegen können, um zu sehen, dass er vielleicht doch nicht hilfreich für die Hausarbeit ist, musste ich den Text erstmal einscannen und mich einlesen bevor ich das gemerkt habe. Aber man lernt sich zu helfen: Ich habe das Problem den Lehrbeauftragten kommuniziert, die mir dann bei der Vorauswahl geholfen haben. Generell habe ich gerade an der Uni gemerkt, dass man oft sehr gut damit fährt, wenn man Bedürfnisse formuliert und Probleme anspricht.

 

Aber ist es nicht ein Zeichen der Abhängigkeit, wenn Sie auf Helfer angewiesen sind?

Nein, ganz im Gegenteil, diese persönliche Assistenz ermöglicht mir überhaupt erst die Teilhabe – ebenso wie technische Hilfen. Man kann ja nicht abstreiten, dass ich in einer visuell orientierten Welt auf Hilfen angewiesen bin. Seien die nun technischer oder persönlicher Natur. Was auf einer Tafel steht, kann ich auch nicht ertasten, das mussten Kommilitonen mir vorlesen.

 

Wie sehr sind Sie im beruflichen Alltag auf Hilfen angewiesen?

Natürlich auch. Es gibt viele Sachen, die ich ohne Helfer, aber nicht ohne technische Hilfen machen kann. Braillezeile, Screenreader, Punktschriftdrucker zum Beispiel, aber auch ein Farberkennungsgerät, das mir hilft, mich für einen Termin passend anzukleiden.

Wenn ich jedoch in großen Räumen Vorträge halte oder in einer mir absolut fremden Umgebung bin, brauche ich meine „Jungs“, also meine persönlichen Assistenten, die darauf achten, dass der Schal sitzt, Wortmeldungen wahrgenommen werden und den Weg zur Toilette weisen können, ohne dass ich fremde Menschen danach frage. Aber dadurch bin ich nicht abhängiger: Inhaltlich bin immernoch ich allein für meine Vorträge und Seminare  verantwortlich.

 

Braillezeile, Screenreader, Punktschriftdrucker – das klingt technisch sehr komplex. Wer trägt die Kosten für diese Geräte?

Bei meinem ebenfalls geburtsblinden Bruder, der als Verwaltungsbeamter arbeitet, ist es so, dass der Arbeitgeber diese Hilfsmittel anschafft beziehungsweise deren finanzielle Förderung beim Integrationsamt beantragt. Ich als Selbständige muss das selbst beantragen – und das ist schon relativ aufwendig. Ich würde mir oft wünschen, dass Antragsformulare online bearbeitet werden könnten, das würde mir viel Zeit ersparen. Gerade im Bereich der öffentlichen Verwaltung muss noch viel für Inklusion getan werden.

 

Stichwort Inklusion – Sie setzen sich politisch dafür ein. Wo sind die Grenzen der Inklusion?

Die Fragestellung entlarvt das eigentliche Problem bei dem Thema. Anstatt über die Möglichkeiten nachzudenken, werden viele Diskussionen im Vorfeld abgeblockt mit dem Hinweis: "Das kann doch gar nicht gehen." Natürlich wird ein blindes Kind kein Volleyball spielen können, aber das heißt noch nicht, dass man es komplett vom Sportunterricht befreien müsste. Damit nimmt man ihm wichtige Elemente der Persönlichkeits- und Selbstbewusstseinsbildung. Es geht nicht um Gleichmacherei, spezielle Bildungseinrichtungen werden immer wichtige Kompetenzzentren sein, auf deren Know-how man zurückgreifen kann. Aber deren oberste Priorität gilt der gesellschaftlichen Teilhabe.

 

Anders gefragt, wie erreicht man Inklusion?

Inklusion fängt für mich in den Köpfen der Mitmenschen an. Wenn jemand dauernd hört "Das kannst du doch nicht tun, du bist doch blind.", dann glaubt er das auf Dauer auch, obwohl er mehr könnte. Ich wünsche mir eher einen fragenden, als einen urteilenden Blick meiner Mitmenschen auf meine Behinderung. Aber, und das muss man auch sagen, wenn ich als sehbehinderter Mensch meine Bedürfnisse nicht formuliere und damit erste Brücken baue, kann ich nicht verlangen, dass ein sehender Mensch mich versteht. Es kommt daher nicht nur auf meine Mitmenschen an, sondern auch auf mich selbst.

 

Wann kommt man an Spezialeinrichtungen nicht mehr vorbei?

Ich habe selbst an der Universität erlebt, dass bauliche Barrieren und mangelnde Sensibilität der Mitmenschen große Hindernisse sein können. Nun bin ich aber geburtsblind und kenne solche Situationen von klein auf. Wer eine Seheinschränkung oder Blindheit erst kürzlich erworben hat, könnte damit überfordert sein. Da sind z.B. Bildungseinrichtungen, die speziell auf die Bedürfnisse von Blinden und Sehbehinderten zugeschnitten sind, natürlich eine große Hilfe. Wie gesagt: Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern darum, Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben so gut es geht zu gewährleisten. Das ist in einigen Fällen dann auch eine Spezialeinrichtung.

 

Sie arbeiten als Motivationstrainerin. Was würden Sie einem Menschen sagen, der auf Grund einer kürzlich erworbenen Sehbehinderung verzweifelt?
Ich würde ihn fragen, was er vorher immer gerne getan hat, jetzt aber glaubt nicht mehr tun zu können. Und dann würde ich ihn dabei unterstützen, dass er es doch kann - wenn er sich kleine Ziele setzt. Wenn jemand gerne Marathon gelaufen ist, würde ich ihm raten, sich einen vertrauten Menschen zu suchen. Dieser könnte dann als Begleitläufer erst eine einfache, ebene 5 Kilometer-Runde mitlaufen. Danach könnte dann stufenweise der Weg bis zum Marathon durch Training geschafft werden.

Dass ich als Blinde den Kilimandscharo besteigen kann, hat mir vorher nicht jeder so ohne Weiteres zugetraut. Aber ich habe es geschafft – und ich habe gemerkt, dass viele Bedenken unnötig waren. Wichtig im Leben ist es Ziele zu haben. Man darf sie nur nicht aufgeben, wenn die ersten Schritte schwerer sind als gedacht.

 

Was sind die größten Barrieren, auf die Sie im Alltag treffen?

 

Ganz ehrlich: Das sind die zwischen dem Menschen auf der Straße und mir. Viele haben Hemmungen mich anzusprechen oder mit mir zu kommunizieren. Andere Menschen fassen mich einfach an, und das mag ich überhaupt nicht. Aber das Gute ist: Wenn man weiß, wo das Problem liegt, kann man umso besser daran arbeiten. Wenn man Menschen eine Behinderung erfahrbar macht, dann wissen sie auch damit und letztlich auch mit mir umzugehen. Vieles was mich ärgert, geschieht aus Unwissenheit.

Fragen zu beruflicher Reha?
Nutzen Sie unsere kostenlose
Hotline 0800 - 60 60 224
hotline