Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Dr. jur. Michael Richter im Portrait

Dr. jur. Michael Richter

Dr. jur. Michael Richter ist Geschäftsführer der rbm gGmbH (Rechte behinderter Menschen) und in doppelter Hinsicht Experte: Als sehbehinderter promovierter Jurist kennt er die Sorgen und Fragen sehbehinderter Menschen wie kaum ein anderer.

Christian Middendorf (42) aus Osnabrück fragt: 

Ich bin gelernter Bürokaufmann, seit einigen Jahren arbeitslos und kürzlich erblindet. Habe ich als HartzIV-Empfänger Anspruch auf berufliche Reha? Was muss ich dafür tun?

Als Empfänger von von ALG-II-Leistungen (Hartz IV) stehen Ihnen grundsätzlich annähernd die selben Rehabilitationsansprüche zu, wie den Menschen, die im Beruf eine Behinderung erwerben oder wie Empfängern von Alg-I-Leistungen, denn über § 16, Abs. 1, Satz 3 SGB II wird in Sachen Rehabilitation weitgehend auf das Instrumentarium des sog. Arbeitsförderungsgesetzes (SGB III) und hier insb. auf die speziellen Vorschriften von §§ 112 ff SGB III verwiesen. Sinnvoll wäre vorliegend beim SGB-II-Träger grundsätzlich einen Antrag auf Rehabilitationsleistungen zu stellen und in diesem konkret einer sog. Berufsorientierung- bzw. -abklärung (zumeist eine zweiwöchige Maßnahme) zu beantragen. In dieser Maßnahme würde dann sachkundig Ihr Rehabilitationsbedarf geklärt, d.h. mit Ihnen festgestellt, ob "lediglich" eine blindentechnische Grundrehabilitation (BTG) notwendig ist, um wieder in Ihrem erlernten Beruf Fuß fassen zu können oder ob nach einer solchen Maßnahme auch eine berufliche Neuorientierung sinnvoll wäre.

 

Petra Helsted (37) aus Fürth fragt:

Mein Antrag auf berufliche Reha ist abgelehnt worden. Was muss ich beim Widerspruch beachten, damit er erfolgreich ist?

Zunächst müssen Sie darauf achten, dass Sie Ihren Widerspruch fristgerecht, d.h. in der Regel einen Monat nach Erhalt des Bescheides bei der bescheiderteilenden Stelle einlegen. Die Frist ist auch mit einem formellen Widerspruch, d.h. mit einem kurzen Schreiben mit beispielsweise dem Inhalt "Hiermit lege ich Widerspruch gegen Ihren Bescheid vom ... Wegen .... Ein." gewahrt. Sie müssen Ihren Widerspruch zwar nicht begründen, sinnvoll ist aber darauf zu achten, ob der geltend gemachte Rehabilitationsbedarf richtig beurteilt wurde und ggf. Auf Mißverständnisse hinzuweisen, zu überprüfen ob alle vorhandenen medizinischen Unterlagen oder fachliche Stellungnahmen richtig berücksichtigt wurden und ggf. noch neuere Dokumente in diesem Zusammenhang (z.B. Neue Befundberichte) nachgereicht werden können. Sind nach Ihrer Ansicht die vorgebrachten Fakten richtig bewertet und stellen Sie allein die, im Bescheid vorgenommene, rechtliche Würdigung in Frage, sollten Sie juristisch versierten Beistand suchen.     

Isabell Wanie (26) aus Erfurt fragt:

Ich habe noch circa ein Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge. Als Rechtsanwaltsfachangestellte will mein Arbeitgeber mich gerne weiterbeschäftigen. Wer sagt mir, welche Hilfsmittel ich brauche?

Zunächst sollten Sie sich für das Vertrauen Ihres Arbeitgebers bedanken, in dem Sie in Zukunft eine gute Arbeitsleistung erbringen. Voraussetzung hierfür ist eine möglichst "optimale" Hilfsmittelausstattung und eine professionelle Unterweisung in deren Gebrauch. Um sowohl die in Ihrem Fall richtigen Hilfsmittel als auch den Schulungsbedarf zu ermitteln sollten Sie unbedingt eine herstellerunabhängige, professionelle Sehrest- und/oder Hilfsmittelberatung in Anspruch nehmen. Diese finden Sie an den meisten Einrichtungen der Schul- oder Berufsbildung für blinde und sehbehinderte Menschen, die zumeist über entsprechende Angebote und kompetente Ansprechpartner verfügen. Erst nach einer solchen unabhängigen Beratung sollten Sie den Kontakt mit den entsprechenden Hilfsmittelfirmen gezielt aufnehmen.

 

Tim Fleige (33) aus Dortmund fragt:

Darf ich während meiner Ausbildung im BFW einer Nebentätigkeit nachgehen und wenn ja in welchem Umfang?

Ja, dürfen Sie soweit Ihre Leistungsfähigkeit in der Ausbildung nicht durch Ihre Nebentätigkeit beeinträchtigt wird. Generell ist eine solche Nebentätigkeit sogar sehr positiv zu bewerten, da diese natürlich immer die Chance bietet, Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln oder sogar die Eintrittskarte für eine spätere Beschäftigung sein kann und dementsprechend das persönliche "Qualifikationsprofil" erweitert. Allerdings sollte der Umfang begrenzt sein, um zum einen tatsächlich keine negativen Auswirkungen auf Ihre Leistungsfähigkeit in der Ausbildung entstehen zu lassen und zum anderen ist ein solches Engament auch nur finanziell begrenzt lukrativ, da erzieltes Einkommen - sofern Sie im Rahmen Ihrer Ausbildung auch Leistungen zur Sicherung Ihres Lebensunterhaltes beziehen (Übergangsgeld, Ausbildungsförderung, etc) - auf diese Leistungen angerechnet wird. Letztlich möchte ich Ihnen auch dringend raten, um Missverständnissen vorzubeugen, Ihre Nebentätigkeit mit den Verantwortlichen Ihrer Ausbildungsstätte abzusprechen.         

 

Hubert Koleczyk (54) aus Celle fragt:

Ich habe vor vielen Jahren eine Umschulung zum Telefonisten gemacht. Ich finde aber keinen Job in diesem Bereich. Nun möchte ich noch einmal umschulen. Der Kostenträger will aber nicht noch einmal für mich zahlen. Was kann ich tun?

Trotz Ihrer vorhandenen, vermeintlich behinderungsgerechten Berufsausbildung und der Tatsache, dass Ihr Renteneintrittsalter nicht mehr in unabsehbarer Ferne liegt, ist die Förderung einer Umschulung oder einer zweiten Ausbildung durch Ihren Kostenträger (vermutl. ALG-II-Träger oder Rentenversicherung) nicht ausgeschlossen. Mit anderen Worten, Sie sollten einen dementsprechenden Antrag auf Kostenübernahme für eine sorgfältig ausgewählte "zweite Ausbildung" stellen. Bitte fügen Sie dem Antrag nach Möglichkeit eine entsprechende Einschätzung einer "fachkundigen Stelle" (z.B. Rehaberater, Ausbildungs- oder Umschulungsstätten, etc) bei und dokumentieren Sie bitte sehr sorgfältig Ihre hoffentlich sehr umfangreichen Bemühungen als Telefonist auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden (Bewerbungsdokumentation). Als Faustregel kann gelten, dass 200 erfolglose Bewerbungen über einen Zeitraum von mindestens zwei bis drei Jahren als Indiz ausreichen, dass Sie mit Ihrem vorhandenen Bewerberprofil keine realistische Chance auf dem Arbeitsmarkt haben und dementsprechend eine behinderungsgerechte Weiterbildungs-, Umschulungs- oder zweite Ausbildungsmaßnahme notwendig ist.        

 

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