Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

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Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Der Junge, dem keiner glaubte

Holger hatte sich in dem Augenblick davongeschlichen, als zu Hause die ersten Teller zerbrachen. Seine Eltern stritten sich. Nun saß er an seinem Lieblingsplatz unter der Brücke und schaute in die Nacht. Doch plötzlich durchbrach ein unglaublicher Lärm die Stille. Ein Auto krachte ungebremst durch die Leitplanken. War es Unfall oder Mord?

Ein Krimi von Renate Gervink.

Holger hatte sich in dem Augenblick, davongeschlichen, als zu Hause die ersten Teller auf dem Fußboden zerbrachen. Seine Eltern stritten sich mal wieder. Nun saß er an seinem Lieblingsplatz unter der Brücke und schaute in die Nacht. Es war ein guter Platz. Hier konnte ihn keiner finden, er saß zwischen zwei Holunderbüschen, unsichtbar für jeden, der die Brücke über den steilen Abhang überquerte. Hier fühlte er sich sicher. Doch plötzlich durchbrach ein unglaublicher Lärm die Stille. Ein Auto krachte ungebremst durch die Leitplanken und knallte den Abhang herunter. Holger war vor Schreck wie gelähmt. Was sollte er nur tun? Da hörte er ein weiteres Geräusch. Ein Mann kam den Abhang herunter, mal sprang er, mal stürzte er über das Geröll. Unten blieb er kurz liegen und stöhnte kurz, dann stand er auf, öffnete die Fahrertür und zwängte sich auf den Fahrersitz. Kurze Zeit später hörte Holger den Mann telefonieren: „Ja, ein Unfall … an der Eisenbahnbrücke, … meine Frau ist tot.“ Die Stimme lies den Jungen erstarren. Schweißgebadet und mit einem Schrei wachte Holger auf. Es war immer derselbe Traum. Er schluchzte. Die Erinnerung erfüllte ihn auch nach zehn Jahren noch mit großer Angst.

Der Applaus wollte gar nicht mehr abebben, als Lennard Walden, blinder Ermittler und Profiler bei Mordfällen seinen „Vortrag“ beendet hatte. Lennard war gerührt.

Er konnte es selbst kaum glauben, aber er war wieder einmal in der Eifel. Diesmal vollkommen freiwillig und ohne jeden Auftrag. Er traf sich mit Annika. Die beiden hatten sich bei seinem letzten Fall auf dem Land, bei dem ein Mann an einer Kohlenmonoxidvergiftung ums Leben gekommen war, kennengelernt. Sie waren sich gleich sympathisch gewesen, der blinde Ermittler, der nach seinem tragischen Einsatz, bei dem er sein Augenlicht verloren hatte, nach und nach wieder ins Leben zurückgefunden hatte, und die Ornithologin, die das Land, die Einsamkeit und ihren Job liebte.

Lennard hatte endlich wieder zu seiner alten Form zurückgefunden, seine Blindheit störte ihn kaum noch. Das lag zum einen an Steve, seinen treuen tierischen Begleiter, ein Labrador und ausgebildeter Blindenhund und zum anderen an Annika, die ihn fast dazu gebracht hatte, seine Abneigung gegen das Landleben abzulegen. Fast. Er liebte trotzdem noch sein Viertel in Köln, seine Wohnung, sein Lieblingscafé mit dem besten Espresso der Welt, seine alltägliche Routine. Aber er hatte auch Spaß daran gefunden, auf dem Land zu sein. Er hatte es früher nicht gemocht, weil er sich unsicher fühlte. Keine Routine, keine Bordsteinkanten, machmal keine festen Wege und oft kein Handynetz. Wie sollte er sich dort auch zurechtfinden. Doch mit Steve und Annika war es anders. Annika hatte ihn gelehrt, wie laut es im Wald ist, wenn am frühen Morgen die Vögel anfangen zu krakeelen, wie weich ein Waldboden sein kann, wie es im Herbst riecht, wenn es in der Nacht geregnet hat und dass er die Pilze fast alleine pflücken kann, wenn er nur seinem Geruch folgt. Letzteres unterließ er jedoch, denn natürlich konnte er nicht unterscheiden, ob es sich bei seinem Fund um einen Steinpilz oder Maronenröhrling handelte oder um einen jungen und garantiert tödlichen Grünen Wulstling. Der Grüne Wulstling, auch Knollenblätterpilz genannt, das wusste Lennard bereits, ist ein richtiger Massenmörder unter den Pilzen. In Europa sollen rund 90 Prozent aller Pilzvergiftungen mit tödlichem Ausgang auf ihn zurückgehen. Nein, es war besser, die Finger davon zu lassen.

Und wo er nun schon einmal da war, hatte Elsa ihn auch gleich gebeten, in einer Wohngruppe für junge Menschen mit einer Behinderung einen Vortrag über seine Arbeit als blinder Ermittler bei der Mordkommission zu halten. So saß er nun vor 28 jungen Menschen, die seinem Vortrag still und voller Staunen zugehört hatten. Jetzt kam die Fragerunde und sofort ging es rund. Sein Publikum fragte ihm Löcher in den Bauch. „Träumst du in Farbe, auch wenn du blind bist?“ Kann man Verbrecher riechen? Wolltest du auch schon mal ein Mörder sein?“ Lennard hatte große Schwierigkeiten, auf alle, auch die kuriosesten Fragen richtig zu antworten. Und zum Schluss kamen alle zu ihm und schüttelten ihm die Hand. Auch Steve wurde von allen bewundert und gestreichelt, der Labrador ließ die vielen Hände auf seinem Fell ritterlich über sich ergehen.

Vor allem Holger, ein junger Mann um die 20 und groß wie ein Hüne und aufgeregt wie ein Kind, war Lennard nicht von der Seite gewichen. Er hatte so viele Fragen gestellt, dass Lennard in zum Schluss zurückhalten musste, sonst wäre das noch bis in die Nacht so weitergegangen. Zum Schluss hatte Holger auf ihn gewartet und ihm, als alle den Raum verlassen hatten, erzählt, dass auch er bei einem Mord dabei gewesen sei, als er noch Kind war. Sein Vater hätte seine Mutter umgebracht, aber das hätte ihm niemand geglaubt. Weil er ja nicht so schnell im Denken war und zur Sonderschule gegangen sei.

Nach der Veranstaltung saß Lennard noch mit Maren Wolf, der Leiterin der Wohngruppe in ihrem Büro. Sie tranken Kaffee. „Tja, der Holger“, sagte Maren, als Lennard sie auf den ungewöhnlichen jungen Mann ansprache. „Ein Bär von einem jungen Mann und auf den ersten Blick sieht man ihm überhaupt nicht an, dass er große Probleme mit dem Lernen hat und ebenso große Schwierigkeiten, abstrakte Dinge schnell zu verstehen. Er kann nicht lesen und schreiben oder rechnen, aber wenn du einen Baum gefällt haben möchtest, dann ist Holger der Beste. Er ist unglaublich kräftig und arbeitsam. Und genauso gutmütig. Das hat dazu geführt, dass er nach Strich und Faden ausgenutzt wurde, bevor er hier hin kam. Jeder der einen Garten oder einen Wald hatte, nahm seine Dienste in Anspruch. Und da er kein Verhältnis zum Geld hat, haben sie ihm dann mit zehn Euro für einen ganzen Tag Arbeit abgefertigt. Seit er hier ist, arbeitet er zwar immer noch so viel, wir passen aber auf, dass er sich nicht ausnutzen lässt.“ Maren lächelte, nahm einen Schluck Kaffee und schwieg eine Weile. Lennard stellte sie sich als eine dunkelhaarige etwas füllige Frau vor, um die 50. Sie hatte ein sehr angenehmes Wesen und eine ruhige Stimme.

„Als Holger 12 Jahre alt war“, fuhr Maren fort, „hatten seine Eltern einen Autounfall. Sie sind vor eine Brücke den Abhang hinabgestürzt. Seine Mutter war sofort tot und sein Vater konnte wie durch ein Wunder nur leicht verletzt geborgen werden. Holger blieb zunächst bei seinem Vater, der schon einen Tag nach dem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Aber das ging nicht lange gut. Die beiden hatten immer schon ein schwieriges Verhältnis miteinander – Holger war wohl das typisch Mamakind, als er klein war. Als die beiden nun alleine waren ging nichts mehr. Holger erzählte den Leuten, dass sein Vater seine Mutter umgebracht habe. Dass er den Wagen extra den Hang habe hinabstürzen lassen. Dann schlug sein Vater den Jungen jedes Mal grün und blau, wenn er davon erfuhr. Der hätte ihn fast umgebracht, wenn das Jugendamt nicht rechtzeitig eingegriffen hätte.“

Lennard war beeindruckt. „Er erzählt seit zehn Jahren die gleiche Geschichte. Er muss also fest davon überzeugt sein.“ „Ja“, Maren goss noch eine Tasse Kaffee ein. „Holger kam in ein Heim. Anfangs holte sein Vater ihn am Wochenende nach Hause, doch Holger kam jedes Mal vollkommen verschüchtert und mit Anzeichen von Schlägen wieder zurück, sodass das Jugendamt beschloss, dem Vater das Sorgerecht zu entziehen. Man konnte ihm die Gewalttätigkeiten nicht nachweisen, Holger hätte sich seine blauen Flecke auf dem Feld oder im Stall– Holgers Vater ist Bauer und hat den Jungen von klein auf nur arbeiten lassen – zugezogen, war seine lapidare Antwort, wenn er darauf angesprochen wurde. So reichte es nicht für eine Anklage, aber immerhin konnte das Jugendamt erreichen, dass der Vater den Sohn nicht mehr zu sehen bekam.“

Dann sprachen die beiden noch über das gemeinsame Essen, zu dem Elsa für Samstagabend eingeladen hatte. Sie freuten sich schon beide darauf, denn Elsa war in ihrem großen Freundeskreis als eine exzellente Köchin bekannt.

Auf dem Weg zum Gasthaus, in dem er sich mit Annika verabredet hatte, dachte Lennard noch einmal über seinen Auftritt in der Wohngruppe nach. Und über Holger. Dass er in seinen kognitiven Fähigkeiten so stark eingeschränkt war, konnte man ihm wirklich nicht auf den ersten Blick ansehen. Lennard hatte den Jungen Mann von Anfang an gemocht. Und irgendwie glaubte er ihm. Er würde der Sache mal nachgehen. Und er wusste schon, wo er damit anfangen würde. Annika wollte mit Elsa für das große Essen einkaufen und so hätte er genügend Zeit, um auf ein oder zwei Biere zum Graaf zu gehen, der einzigen Kneipe im Ort.

„Tach Lennard, schön, dass du auch mal wieder hier bist“, begrüßte ihn der Wirt Micha. „Ich hoffe, du bleibst bis Samstag. Elsa kocht wie eine Göttin. ‚Aha, ist Micha also auch eingeladen‘, dachte Lennard. Er nahm sich vor, Elsa nachher nach der Gästeliste zu fragen. Ihm schien es, als wäre das halbe Dorf eingeladen.

„Hallo Micha, machst du mir ein Mazout?“ Lennard mochte dieses Gesöff aus Bier mit Cola nicht einmal besonders, er fand nur den Namen so originell und bestellte sich deshalb zuerst immer ein Mazout und dann ordentliches Bier. Den Namen hatten die Leute aus der Gegend von den deutschsprachigen Belgiern übernommen, ihren Nachbarn gleich hinter der Grenze. Mazout hieß dort eigentlich Heizöl, aber eben auch das Biermischgetränk mit der gleichen trüben Farbe.

„Geht klar,“ sagte Micha und Lennard merkte, dass er grinste. „Musst ja auch nicht mehr fahren“, fuhr er fort und kicherte.

Lennard mochte den Humor des Wirts. Er waren freundlich und offen, Lennard hatte bei Micha das Gefühl, als Person und nicht als armer Behinderter, gesehen zu werden. Das passierte im relativ selten. „Ja, ja, lach du nur“, feixte er zurück, „wer den Schaden hat, braucht für den Spott ja nicht mehr zu sorgen.“ Micha lachte noch lauter warf den Deckel auf die Theke und stellte das Glas drauf. „Und für Mister Steve eine Schüssel Wasser?“ Steve wedelte mit dem Schwanz, als er seinen Namen hörte und kurz darauf ertönte Lennard das laute Schmatzen des Hundes.

Nach und nach füllte sich die Kneipe. Die Leute aus dem Dorf kamen von der Arbeit. Selbst der alte Fritz war da, eine Seltenheit, normalerweise musste er als Bauer um diese Zeit die Tiere versorgen. „Hallo Lennard, da bist du ja wieder. Scheinst es ja doch nicht so schlecht hier zu finden, du alter Städter“, Fritz klopfte ihm auf die Schulter. „Was machst du denn hier, Fritz, fragte Lennard, hast du deinen Hof auf Automatik umgestellt?“, fragte Lennard. „Nein, mein Sohn ist zu Besuch und hat für mich das Melken übernommen und da dachte ich, es sei eine gute Gelegenheit für ein Bierchen. „Micha zwei Pils für Lennard und mich!“

Nach einiger Zeit gesellte sich auch Edwin, der Leiter der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr an den Tresen. Auf ihn hatte Lennard gewartet. Von Maren Wolf hatte er erfahren, dass Edwin und seine Kollegen damals vor zehn Jahren nach dem Unfall die Leiche von Holgers Mutter und den verletzten Vater aus dem Wagen geborgen hatten. „Ja, ich erinnere mich sehr genau an die Sache“, sagte Edwin. Der Wagen sah schlimm aus. Aber schlimmer noch die arme Ute. Sie war auf dem Beifahrersitz eingeklemmt. Auch ohne große Untersuchung sahen wir sofort, dass sie tot war. Das war schrecklich. Wie durch ein Wunder hatte Manfred nur einige leichte Verletzungen, er hätte auch einfach gestürzt sein können, so sah das aus.“ Damals hatten wir noch nicht die Ausrüstung, die wir heute haben und mussten die beiden mühsam den Hang hinauftragen. Das war ein Murks! Und Manfred war ja schon damals nicht der Dünnste, Mensch, was haben wir geflucht. Für Ute konnte auch der Notarzt nichts mehr tun und Manfred wurde noch kurz zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.“

„Und Holger?“, fragte Lennard, wo habt ihr ihn gefunden? „Der hatte sich unter seinem Bett verkrochen. Er hatte noch seine normalen Sachen an, war gar nicht im Schlafanzug. Komische Familie.“

„Wieso komisch?“ „Na ja, man sagte sich, dass der Vater seine Frau und auch seinen Sohn schlug. Aber niemand konnte es nachweisen. Die Krögers wohnten etwas abseits vom Dorf, so hörte niemand etwas. Aber so oft, wie die gefallen waren oder sich gestoßen hatten, die Ute und der Holger, das war schon seltsam. Wir haben dann das Jugendamt und die Polizei informiert, aber die konnten auch nichts tun, Ute leugnete, dass sie geschlagen worden war, Holger konnte nichts sagen und Manfred hat uns dann aus dem Haus geworfen.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile und dann kam Annika. Lennard freute sich. Schon lange war er nicht mehr so froh und so gut gelaunt gewesen, wie in der letzten Zeit. Anfangs hatte er noch angenommen, das mit Annika wäre nur eine kurze Geschichte, wer will schon mit einem Behinderten zusammen sein, hatte er wieder und wieder gedacht, wenn er nachts wach lag und an sie dachte. Doch Annika ließ nicht locker und nach und nach bekam Lennard Vertrauen in seine Beziehung mit der Ornithologin. Seit dem verheerenden Einsatz bei der Mordkommission, bei dem er sein Augenlicht verlor, hatte er sich lange selbst nur als halbem Menschen gesehen, er hatte lange gebraucht, um sich in seinem nicht sehenden Leben zurechtzufinden. Nach und nach war ihm das, mit Hilfe seiner ehemaligen Kollegin Sabine wieder gelungen. Sie war nach seinem Ausscheiden Hauptkommissarin bei der Mordkommission geworden und hatte ihn so oft es ihr möglich war, besucht und geholfen. Schließlich hatte sie ihn als Berater in die Untersuchungen einbezogen und gemeinsam hatten sie bereits einige Fälle gelöst, die meisten in der Eifel. Warum gerade hier, war Lennard bis heute ein Rätsel.

Sich noch einmal verlieben? Undenkbar. Aber jetzt wer es passiert. Lennard war verliebt. Bis über beide Ohren. Sabine hatte ihm Annika genauestens beschrieben, doch eigentlich wäre das gar nicht notwendig gewesen. Das war einer der wenigen Vorteile, die er als Blinder hatte: Auf das Aussehen kam es nun wirklich nicht mehr an.

Die beiden setzten sich an einen freien Tisch im hinteren Teil der Gaststätte, um zu essen. Als sie das Gasthaus Arm in Arm verließen – Steve hatte frei und lief ohne Leine neben ihnen her – fiel Lennard der junge Mann aus der Wohngruppe wieder ein. Was, wenn Holger Recht hatte und keiner ihm glaubte? Was, wenn sein Vater in Mörder war und keiner hatte es bemerkt? Ist nicht jemand, der mit einem Mord ungestraft davonkommt, eine tickende Zeitbombe? Glaubt er nicht, allmächtig zu sein?

Lennard beschloss, Holger in den nächsten Tagen noch einmal zu besuchen. Doch jetzt freute er sich erst einmal auf einen Abend mit Annika. Und auch in den nächsten Tagen verbrachten die beiden sehr viel Zeit miteinander – Annika war wieder für ein paar Wochen zu Forschungszwecken in dem kleinen Eifeldorf, sie untersuchte das Brutverhalten des Roten Milan und Lennard begleitete sie in den Wald.

So vergaß er die Geschichte um Holger. Drei Tage später klingelte sein Handy. Es war Maren Wolf, sie bat ihn, in der Wohngruppe vorbeizukommen. Holger sei in der letzten Zeit sehr aufgeregt und frage immer wieder nach ihm, berichtete sie ihm. Er habe wohl einen großen Eindruck bei Holger hinterlassen. Lennard versprach, noch am Nachmittag vorbeizukommen.

Als er mit Steve aus dem Taxi stieg, wartete Maren schon vor der Tür auf ihn. „Kommst du mit mir ein Stück spazieren?“, fragte sie Lennard. „Ich mache gerade verspätete Mittagspause und könnte etwas frische Luft gebrauchen.“ Steve wedelte schon mit dem Schwanz und jaulte einmal kurz auf. „Manchmal scheint es mir, als könne er unsere Sprache verstehen“, sagte Lennard. „Klar kommen wir mit, beim Laufen lässt es sich besser reden und ich bin immer froh, wenn jemand hier auf dem Land bei mir ist, der mir sagt, was er sieht“.

Sie machten sich auf den Weg. Lennard an Marens Arm und Steve voraus. Das Wetter war gut und Lennard konnte die Sonne auf seinem Gesicht spüren. Endlich. Dieser Herbst war bislang scheußlich gewesen, viel zu viel Wind, viel zu viel Regen, viel zu kalt.

„Holger wird sich nachher freuen, wenn er dich sieht. Er ist so aufgeregt in den letzten Tagen. Er fragt ständig nach dir und will, dass ich ihn zu dir bringe. Als ich ihm erzählt habe, dass du ihn heute Nachmittag besuchen kommst, hat er sich sichtlich beruhigt. Er schien richtig erleichtert zu sein. Er ist so ein feinfühliger junger Mann.“

„Weißt du, seit wann er so unruhig ist?“, fragte Lennard sie.

„Das war kurz nach deinem Vortrag. Schon da war er aufgeregter als vorher. Aber richtig schlimm war es, als sein Vater vorgestern besucht hat. Er kommt von Zeit zu Zeit zu uns und sieht nach seinem Sohn. Das geht dann ein paar Mal gut, aber meistens endet ihr Aufeinandertreffen im Streit. Dann rennt Manfred jedes Mal wutentbrannt aus dem Haus und schreit, dass es das letzt Mal sei, dass er sich um den Jungen kümmere. Er sei wie seine Mutter: undankbar und hinterhältig.. Solle er doch weiter vor sich hindämmern“. Maren war hörbar wütend.

„Holger ist dann für den Rest des Tages zu nichts zu gebrauchen und zieht sich in sein Zimmer zurück. Wir lassen ihn dann auch in Ruhe. Meistens legt sich das dann und am nächsten Tag ist er wieder der Alte, freundlich, hilfsbereit und immer am Lachen.“

„Und dieses Mal ist es anders, sagst du?“

„Ja, dieses Mal war der Arme ganz aus dem Häuschen. Das, was ich von dem was er sagte, verstanden habe, ist, dass sein Vater wieder heiraten will. Und wenn er vor der neuen Frau den damaligen Unfall auch nur erwähnen würde, würde er sein blaues Wunder erleben. Na, ja, soweit ich es verstanden habe. Wenn Holger sehr aufgeregt ist, überschlägt sich seine Stimme meistens beim Reden. Danach wollte er nicht mehr darüber sprechen und fragte ständig nach dir.“

„Komische Geschichte, findest du nicht?“, fragte Lennard. „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass er Recht haben könne?“

„Ja, natürlich!“ Maren blieb stehen. „Wir konnten aber nichts tun, außer auf Holger zu achten. Niemand glaubte dem und wir hatten doch überhaupt nichts gegen den Vater in der Hand!“

Sie waren wieder am Haus der Wohngruppe angekommen und Maren führte Lennard und Steve zu Holgers Zimmer. Doch dort war niemand. Auch im gemeinsamen Wohnzimmer nicht. Und nicht in der Küche. „Wo ist Holger?“, fragte sie Tim, der seit einer Woche ihr neuer Mitarbeiter war. „Sein Vater war gerade hier und hat Holger abgeholt. Er sagte, er wollte Holger seiner neuen Frau vorstellen. Er hat mir versichert, dass Holger zum Abendessen wieder zurück sei.“

„Was?! Ist Holger freiwillig mitgegangen?“ Marens Stimme wurde schrill. „Na, ja, jetzt wo du es sagst, so richtig glücklich sah er nicht aus und sein Vater hielt ihn fest am Arm. Aber ich kann ja schlecht seinem Vater verbieten, seinen Sohn mitzunehmen, oder?“

Es war wie früher.

„Nicht Papa, nein, das darfst du nicht“. Holger hielt seine Hände schützend vor den Kopf, während sein Vater immer weiter auf ihn einprügelte. So hatte er ihn das letzte Mal verhauen, als er aus dem Krankenhaus gekommen war und Holger ihn gefragt hatte, warum er denn die Mama den Hang hinabgestürzt habe. Und Holger hatte versprechen müssen, niemanden jemals wieder davon zu erzählen. Holger hatte es versprochen, aber schon ein paar Tage später hatte er sein Versprechen vergessen und der Nachbarin davon erzählt. Die war zur Polizei gegangen, aber die Polizisten waren wieder weggefahren. Danach hatte ihn sein Vater windelweich gehauen.

„Was hast du dir dabei gedacht, du Idiot?“, schrie der Vater. „Diesem blinden Krüppel deine alte Geschichte zu erzählen? Willst du mich ins Gefängnis bringen? Deinen eigenen Vater? Willst du das?“

Der Junge schluchzte. Aber er hatte es doch gesehen.

Er war doch dabei gewesen. Es war zwar stockdunkel in der Nacht, in der seine Mutter starb, aber er hatte es gesehen. Und er hatte seine Stimmer erkannt. Ganz klar Papas Stimme. Warum glaubte ihm dann niemand? Was sollte er nun bloß machen? „Aber du hast das doch gemacht, ich hab es doch gesehen.“, schluchzte er. Nun war der Vater außer sich. „Was ich getan habe oder nicht, ist doch völlig egal. Ich bin dein Vater! Ich habe dich Trottel großgezogen. Ich habe den ganzen Tag geschuftet, damit deine feine Mutter und ihr irrer Sohn ein feines Leben führen konnten. Und das ist jetzt der Dank? Du bist wie deine Mutter, das dumme Weib! Undankbar und eingebildet. Aber ich werde dir deine Allüren schon herausprügeln, wie ich es bei deiner Mutter gemacht habe. Los komm! Ich werde jetzt wieder heiraten und du machst mir meine Zukunft nicht kaputt! Du nicht!“

Der Vater zerrte seinen Sohn zum Auto. Er drückte ihn auf den Beifahrersitz und knallte die Tür zu. Holger ließ alles über sich ergehen. Die Angst vor seinem Vater war viel zu tief, als dass er auf die Idee gekommen wäre, sich zu wehren.

Der Vater setzte sich ins Auto, schlug die Tür zu und fuhr los. Die Beifahrertür hatte eine Kindersicherung, Holger hatte keine Chance, aus dem Auto herauszukommen. „Lass mich hier raus, Papa, lass mich raus. Ich sag nichts mehr. Nie mehr. Ich versprech’s.“ Er schluchzte immer lauter. Der Vater fuhr los.

„Dir wird auch dieses Mal niemand glauben. Ich werde sagen, dass du es nicht mehr ausgehalten hättest. Dass ich dich auf der Brücke gefunden hätte. Aber dass ich nichts mehr habe tun können.“

„Sabine?“ Hier ist Lennard. „Hör zu. In aller Eile erzählte Lennard der Hauptkommissarin der Mordkommission am Telefon, was passiert war und dass ein dringender Verdacht bestand, dass Manfred Kröger seine Frau umgebracht hatte und nun auch seinem Sohn etwas antun könnte.

„Ich rufe auf der Dienststelle an und die sollen eine Streife vorbeischicken.“, antwortete Sabine. Das mochte er besonders an seiner Ex-Kollegin. Sie wusste genau, wenn etwas dringend war und fragte nicht viel, sondern handelte. „Kann dich jemand fahren?“, fragte sie. „Dann kommt auch zum Haus von Kröger. Es kann sein, dass ich dich brauche, vielleicht musst du mit ihm reden.“

Während Lennard telefonierte, hatte Maren schon den Wagen geholt. „Steig ein, rief sie und öffnete die Beifahrertür von innen. Sie rasten in Richtung Nachbardorf.

„Ich nehme eine Nebenstrecke, wenn wir durch das Dorf kommen, dann erkennt uns Kröger schon von Weitem. Wer weiß was dann passiert, wir sind sicherlich vor der Polizei dort, das nächste Revier ist fünfundzwanzig Kilometer entfernt.“

Als sie am Krögerhof ankamen, war von Krögers Auto weit und breit nichts zu sehen. Maren hielt hinter einem Gebüsch. „Ich schleiche mich ans Haus. Keine Sorge, ich bin die ganze Zeit durch die Büsche geschützt. Er kann mich gar nicht sehen. Ich komme sofort zurück, wenn ich etwas bemerke.“

Lennard war nicht wohl bei dem Gedanken, dass Maren allein zu dem Haus ginge. Und auch, dass er alleine im Wagen zurückbliebe. Er konnte ja nicht sehen, aus welcher Richtung jemand auf ihn zukam. Selbst wenn er das Fenster aufmachte: Er könnte Schritte sehr wohl hören, aber was sollte er dann verdammt noch mal machen? Steve wäre sicherlich keine große Hilfe. Lennard versuchte sich zu beruhigen. Er lauschte angestrengt, konnte aber außer ein paar Vögeln nichts hören. Zum Glück hatte er durch Annika gelernt, die Stille zu deuten. Und sein Gehör auch für die kleinsten Geräusche empfindlich zu machen. Doch es geschah nichts. Schließlich kam Maren zurück zum Auto.

„Sie sind nicht da“, sagte sie. „Nichts. Totenstille. Die sind bestimmt nicht im Haus.“

Lennard hörte einen Wagen vor dem Haus halten. Zwei Türen wurden geöffnet und wieder geschlossen. Das sind zwei Polizisten, komm, wir gehen zu ihnen.

Maren, Lennard und Steve gingen auf die Beamten zu. Sie stellten sich kurz vor und auch wenn die beiden jungen Polizisten sichtlich überrascht über dieses etwas ungewöhnliche Trio war, so ließen sie es sich kaum anmerken. Die beiden jungen Männer gingen zum Haus, klingelten und öffneten dann die Haustür. Sie war nicht abgeschlossen. Kurz darauf kamen sie wieder zurück.

„Hier ist niemand!“! riefen Sie. „Ich lasse eine Suchmeldung rausgehen“, sagte der eine und rannte zum Wagen.

Lennard und Maren redeten noch kurz mit den beiden Beamten und erzählten ihnen alles, was sie wussten. Nun konnten sie nichts mehr tun. Sie beschlossen nach Hause zu fahren. Dieses Mal nahmen sie den anderen Weg, der direkt ins Dorf führte.

„Wir sind gleich bei der Brücke, an der der Unfall geschah“, sagte Maren. Du kannst sie ja nicht sehen, aber sie ist wirklich hoch. Mir ist immer ziemlich mulmig, wenn ich drüberfahre.

„Halt mal an“, sagte Lennard. „Ich kann sie ja nicht sehen, aber vielleicht kann ich mir die Tiefe vorstellen“. Maren hielt kurz vor der Brücke an und sie stiegen aus dem Auto und gingen auf die Brücke zu. Sie lehnten am Geländer und Lennard lauschte in die Tiefe. Es war kein Auto zu hören. Plötzlich schrie Maren auf.

„Da unten liegt jemand!“, rief sie. „Verdammt! Hoffentlich ist das nicht Holger!“ Sie holte ihr Handy aus der Tasche und rief die 110.

„Ja, unter der gleichen Brücke. Da liegt jemand. Nein. Er bewegt sich nicht. Ja, wir warten.“ Jetzt hörte Lennard es. Ein leichtes Wimmern. Es kam von rechts und war gar nicht weit entfernt.

„Hörst du das?“, flüsterte er Maren zu. Sie lauschte.

„Ja, jetzt höre ich es auch“. Sie ging ein paar Schritte.

„Holger!“ – und zu Lennard gewandt. „Das ist Holger! Er sitzt unter der Brücke zwischen zwei Holunderbüschen“.

„Such ihn Steve, such Holger!“ Lennard ließ die Leine los uns Steve lief in die Richtung des Wimmerns. Kurze Zeit später kam er mit Holger im Schlepptau zurück.

„Ich wollte das nicht“. Der junge Mann weinte. „Ich wollte das nicht. Mein Papa. Er hat so geschrien und mich gehauen. Er ist hier ausgestiegen und hat die ganze Zeit geschrien. Und er hat mich geschüttelt. Da habe ich in geschubst. Ich bin doch viel stärker als er.“

Es war in der Tat Manfred Kröger, der am Ende des Abhangs geborgen wurde. Der Aufprall war so heftig gewesen, dass er sofort tot war. Holger kam mit auf die Wache, doch als Maren und Lennard dort die ganze Geschichte erzählten, konnte er vorläufig wieder mit zurück in die Wohngruppe. Hier war er sicher.

Am Samstag, als alle um den großen Esstisch zusammensaßen und Elsas köstliche Lammkeule mit Waldpilzrisotto genossen, drehten sich die meisten Gespräche natürlich um Holger und den Tod seines Vaters.

„Nun haben wir ihn das zweite Mal diesen schrecklichen Hang hochtragen müssen!“, erzählte Edwin. Zum Glück ist unser Feuerwehrwagen mittlerweile so ausgerüstet, dass wir ihn mit unserem Gerät hochhieven konnten. Aber das war trotzdem ein Scheißmurks!“

„Er ist immer noch ganz verstört“, berichtete Maren von Holger. „Aber er wirkt irgendwie auch erleichtert. Er hat sogar schon die Büsche vor dem Haus der alten Schulte geschnitten“.

Er hatte das erste Mal verschlafen. Er war erst aufgestanden, als die anderen schon lange mit dem Frühstück fertig waren. Das war ihm noch nie passiert. Zum Glück hatten sie ihm ein paar Brötchen übrig gelassen. Er mochte Brötchen. Und zum ersten Mal konnte er sich an seine Träume nicht erinnern.

Ende

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