Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Die Duftspur

Seit Tagen sitzt ein geheimnisvoller Mann mit Sonnenbrille auf dem Balkon. Robert sieht ihn jedes Mal, wenn er zur alten Frau Rieken geht. Die Witwe will nun das erste Mal, nach dem Tod ihres Mannes, verreisen. Robert soll sich in dieser Zeit um die Blumen der wohlhabenden Dame kümmern. Wer ist dieser Mann vom Balkon? Und welche Pläne schmiedet Robert? Ein neuer Fall für Lennard Walden.

Ein Krimi von Renate Gervink.

Dieser Mann saß schon wieder auf dem Balkon, wie immer mit Sonnenbrille. Seit Tagen saß er dort, jedes Mal, wenn Robert zu Frau Rieken ging. Vorher war er ihm nie aufgefallen. Robert schaute zu ihm hoch, grüßte, klingelte bei der alten Dame und verschwand schnell im Hauseingang. Morgen wollte sie in den Urlaub fahren und ihm den Schlüssel hinterlassen. Zum Blumengießen. „Morgen bist du tot, alte Agnes. Wer braucht da Blumen?“ dachte Robert. Er lächelte. Vor vier Wochen hatte er die alte Dame im Supermarkt kennengelernt. Ihr geholfen, die schweren Taschen nach Hause zu tragen. Mit ihr Kaffee getrunken, sich von ihr bekochen lassen – und endlich ihr Vertrauen gewonnen. Nun wollte die wohlhabende Witwe zum ersten Mal seit dem Tod ihres Mannes verreisen. Alleine nach Fuerteventura. Also dürfte niemand sie so schnell vermissen. Nachher würde Robert unbemerkt ins Haus schleichen, unter dem Balkon her, wo dieser Kerl saß.

Aber vorher musste er noch einmal zu ihr hoch. Die Schlüssel in Empfang nehmen. Sicher würde die Alte ihm zum zigsten Mal haarklein erklären, was er in ihrer Abwesenheit zu tun habe. Die Geranien auf dem Balkon täglich gießen, aber nicht zu stark. Die Tomate auch, dabei nie die Pflanze nass werden lassen. Den Pfennigbaum nur alle paar Tage, damit die Wurzeln nicht faulen. Und so weiter und so fort. Er konnte es nicht mehr hören. Es wurde zunehmend anstrengender, dabei immer nett und charmant zu bleiben. Aber das war der Preis: Sollte sie zweifeln, hätte er verloren! Er hatte sich mal wieder in Unkosten geschmissen, um die reiche Witwe für sich zu gewinnen. Anzüge von Brioni, Schuhe von Ferragamo und das Wichtigste: Eau de Cologne von Creed. Sündhaft teuer, aber auch sündhaft anziehend. Er fand, dass es zum ersten Mal stimmte, was die Werbung versprach: „… Erleben Sie, was es heißt, einem Duft machtlos ausgeliefert zu sein“. Bislang waren all seine weiblichen Bekanntschaften begeistert gewesen. Diese hohen Ausgaben schmerzten ihn, doch er sah es als eine lohnende Investition in die Zukunft. Er klingelte und setzte sein charmantestes Lächeln auf. „Meine Liebe, du siehst umwerfend aus, als seiest du schon im Urlaub gewesen“, er gab ihr einen Kuss. Agnes lächelte. Sie setzten sich auf den Balkon, Agnes hatte Kaffee gekocht. „Ihren Kaffee werde ich vermissen“, dachte Robert, so einen guten hatte er selten getrunken. Es kam, wie er vermutet hatte: Agnes führte ihn noch einmal durch alle Räume und gab ihm Anweisungen, was in ihrer Abwesenheit zu tun sei. Endlich übergab sie ihm die Schlüssel. „Ciao, meine Liebe, genieß deinen Urlaub, erhol dich gut und komm gesund wieder zurück!“. Robert wunderte sich einmal mehr über sich selbst. Wie er es fertig brachte, so charmant zu sein und so fürsorglich, obwohl er wusste, dass Agnes Rieken die Nacht nicht überleben würde.

Lennard Walden saß wie jeden Tag auf dem Balkon. Er hörte Robert bereits, als Agnes Rieken die Tür aufmachte und sich von ihm verabschiedete. Seine Stimme hatte etwas Unangenehmes, einen hysterischen Unterton, wie er fand, so wie die des Radiomoderators, den er nicht mochte. Er wechselte immer den Sender, sobald er dessen Stimme hörte. Sie machte ihn aggressiv. Lennard konzentrierte sich wieder auf seine Sinne. Er hörte das Klappern von Roberts Absätzen auf dem Bürgersteig, das Klicken der automatischen Türöffnung seines Audis, den schnurrenden Motor und den darauffolgenden Lärm, als Robert Buchner wieder einmal zu stark auf das Gaspedal drückte. Gut gewählt, das Auto, fand Lennard, ein elegante Limousine, auch wenn sie nicht gerade das neueste Modell war. Und dann war da dieser ganz besondere Duft dieses Mannes, fast schon betörend, wie er fand. Es müsste verboten sein, dass Mörder diesen Duft tragen dürfen, dachte er. Er hatte ihn schon beim ersten Mord dieses Irren wahrgenommen, als seine ehemalige Kollegin Sabine Franck ihn vor sechs Jahren um seine Unterstützung bat.

Auch er war einmal bei der Mordkommission gewesen. Bis vor fast genau zehn Jahren für ihn plötzlich alles aus und vorbei war. Bei einem Sondereinsatz hatte es eine Explosion gegeben, bei der er so schwer verletzt wurde, dass er sein Augenlicht verlor. Lange Zeit konnte er sich mit seiner neuen Situation nicht abfinden; er war in ein tiefes Loch gefallen und hatte viel zu viel getrunken. Doch dann hatte er neue Fähigkeiten an sich entdeckt und seine Wahrnehmung immer weiter geschärft. Seit fünf Jahren riefen ihn nun seine Ex-Kollegen immer wieder zu Hilfe, wenn sie nicht weiterwussten. Denn er nahm Dinge wahr, die sie gar nicht bemerkten, Details, die sie vor lauter Sehen übersahen.

Schon als er das Appartement der ersten Toten betreten hatte, war da dieser Duft nach einer Mischung aus Koriander, Mandarine und Sandelholz und noch ein paar Noten, die er nicht richtig einordnen konnte. Und doch mussten noch drei weitere Morde geschehen, bis sie dem Täter auf die Spur kamen. Eigentlich war es eher der Zufall gewesen, der ihnen in die Hände spielte. Beim letzten Mord hatte die Sonderkommission ihre Taktik geändert und ganz ausführlich über die Tat und die Hintergründe berichtet. Sie hatten fast alles öffentlich gemacht, bis auf die Sache mit dem Eau de Cologne. Aber das war nun auch schon acht Monate her. Seitdem hatte es keine weiteren Morde dieses Serientäters gegeben.

Bis vor genau sechs Wochen Agnes Rieken bei Sabine Franck, seiner ehemaligen Kollegin, im Büro stand. Eine sehr gepflegte Dame um die sechzig, die ihnen aufgeregt von ihrer neuen Bekanntschaft berichtete. Robert Buchner, 54 Jahre alt, gut situiert, gut aussehend mit ausgezeichneten Manieren, hatte sie im Supermarkt angesprochen. Er war so charmant und sie hatte von Anfang an ein Gefühl von Vertrautheit zu Robert entwickelt, wie sie es lange nicht mehr gekannt hatte. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie sich vollständig zurückgezogen und so mit der Zeit den Kontakt zur Außenwelt verloren. Mit Robert schien ihr alles so einfach. Sie konnte endlich wieder fröhlich sein, nach dieser langen Zeit der Trauer. Dann kam ihr beim Aufräumen diese alte Zeitschrift in die Hände, in der ein langer Artikel über den „Witwenmörder aus gutem Hause“ stand. Ein Mann, der bereits drei Frauen auf dem Gewissen hatte. Der sich das Vertrauen seiner Opfer erschlich und dabei jedes Mal geduldig auf seine Gelegenheit wartete. Jede der drei Frauen war Witwe und lebte zurückgezogen. Deshalb gab es so gut wie keine Zeugen. Und die wenigen beschrieben den Mann als sehr gut gekleidet, höflich und dabei völlig unauffällig. So unauffällig, dass sie zwar seine Kleidung gut beschreiben konnten, sich aber so widersprachen, was Größe, Haarfarbe und Gesichtsform anging, dass es kein brauchbares Phantombild von dem Täter gab.

All das traf auf Robert Buchner zu. Agnes verbrachte ein paar schreckliche Tage und Nächte zwischen Zweifel und Schuldgefühlen. Wie konnte sie den guten Robert nur so verdächtigen? Doch von Tag zu Tag wuchs ihr Misstrauen. Immer mehr Zeichen sprachen dafür, dass Robert der Gesuchte war. Sein allzu starkes Bemühen um ihr Wohlbefinden, wenn er da war, übernahm er fast den gesamten Haushalt, sie musste es sich nur im Wohnzimmer bequem machen. Es war zu schön, um wahr zu sein. So erfuhr er alles über ihr Leben – und ihr Vermögen. Sein Drängen, sie müsse endlich mal wieder einen ausgiebigen Urlaub machen und es sich einmal so richtig gut gehen lassen. Seine ständigen Fragen nach alten Freunden oder Verwandten.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste Gewissheit haben. Also ging sie zur Polizei. Die leitende Kommissarin Sabine Franck war sofort alarmiert. Sie griff zum Telefon. „Lennard, wir haben ihn, jetzt geht es los.“ Als sie aufgelegt hatte, wandte sie sich wieder Agnes Rieken zu: „Meinen Sie, Sie sind stark genug, um es noch ein paar Tage mit diesem Mann auszuhalten? Wir werden Sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen lassen. Wir wissen, dass er die Frauen immer am Tag vor ihrer Abreise in den Urlaub tötete. Sie werden so tun, als wollten Sie wirklich nach Fuerteventura fliegen, ihm die Schlüssel übergeben und dann übernehmen wir.“ Agnes Rieken überlegte. Nun hatte sie schon so viel Angst überstanden, da sollten diese paar Tage auch noch auszuhalten sein. Wenn sie nur ruhig und natürlich blieb. „Ok“, sagte sie, „ich mache es“.

Sofort begannen die Vorbereitungen. Lennard Walden quartierte sich im gleichen Apartmenthaus, in einer Wohnung ein, die zur Straße führte. Jeden Tag zur gleichen Zeit postierte er sich auf dem Balkon und hörte Robert Buchner vorbeigehen. Jedes Mal grüßte der Mann und beschleunigte seinen Gang Richtung Haustür. Der Geruch des Parfüms blieb ihm noch lange in der Nase.

Am Tag vor Agnes Riekens Abreise hatte sich das halbe Kommissariat in dem Apartmenthaus postiert. Lennard saß wie immer auf dem Balkon, Buchner kam und verließ das Haus eine Stunde später. Ab sofort durfte kein Fehler mehr passieren. Mehrere Polizeibeamte kamen zu Agnes in die Wohnung und eine Polizistin, die die gleiche Statur wie Agnes hatte, setzte eine Perücke auf und zog das schöne Kleid von Agnes an, das Robert so gerne hatte.

Lennards Sinne standen auf Hochspannung. Robert würde sicherlich nicht über die Straße zum Haus kommen, um Agnes zu töten. Auch sein Auto würde er bestimmt nicht hören. Aber er würde ihn riechen. Um 22 Uhr 12 war es so weit. Lennard nahm diesen Duft wahr, näher als sonst, denn der Mörder schlich direkt unter seinem Balkon her. „Wenn der wüsste, dass ich ihn gar nicht sehen kann“, dachte Lennard lächelnd. „Er kommt“, flüsterte er in sein Mikrofon.

Robert war erleichtert. Es hatte so gut wie kein Geräusch gemacht, als er unter dem Balkon dieses komischen Mannes mit der Sonnenbrille hergeschlichen war. Das war seine größte Sorge gewesen, Zuschauer konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. Obwohl es ihn manchmal ärgerte, dass er niemandem von seinen perfekten Plänen erzählen konnte. Eigentlich sollten alle wissen, welch ein Genie er war. Aber sei es drum. Das eine will man, das eine muss man, war sein Leitspruch. Er drehte den Schlüssel in das Schloss zu Agnes Wohnung. Die Koffer standen bereits im Flur, im Wohnzimmer lief der Fernseher. Agnes saß davor, mit dem Rücken zu ihm. Das war gut. So musste er nicht unnötig mit ihr kämpfen. Er musste nur das Seil um ihren Hals binden und fest zuziehen. Er beugte sich über Agnes. Erst da bemerkte er, dass etwas nicht stimmte.

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