Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Ein tödliches Nest

Ein Mann sirbt an einer Kohlenmonixid-Vergiftung. Seine Frau wird noch rechtzeitig gefunden und kann gerettet werden. Wie kam das Kohlenmonoxid ins Haus? War es ein Unfall oder war es Mord? Der blinde Ermittler Lennard Walden macht sich auf die Suche, um das Rätsel zu lösen.

Ein Krimi von Renate Gervink.

Die beiden lagen nebeneinander im Bett, ihre Arme berührten sich. Es schien, als würden sie tief und fest schlafen. Elsa waren sofort die ungewöhnlichen hellroten Flecken auf ihrer Haut aufgefallen. Die Frau atmete noch, der Mann war tot. „Alle Türen und Fenstern öffnen und wer hier nichts zu suchen hat: Sofort raus aus dem Haus!“, schrie der Einsatzleiter, hob die Frau hoch und rannte mit ihr zur Tür. „Hast du nicht gehört, Elsa? Los, raus hier!“. Elsa lief dem Feuerwehrmann hinterher. Draußen angekommen setzte sie sich auf die Stufen vor dem Haus. Ihr war plötzlich sehr schwindelig und sie fror. „Es ist immer noch viel zu kalt für diese Jahreszeit“, dachte sie, dann verlor sie das Bewusstsein.

Lennard Walden saß gerade vor seinem Computer, als das Telefon klingelte. Der Bildschirm war ausgeschaltet, er brauchte ihn ja nicht. Er machte ihn nur an, wenn er Gäste hatte, denn die waren immer irritiert, wenn er vor einem dunklen Bildschirm saß und schrieb.

„Lennard, ich bin es, Elsa“.

„Das ist aber eine Überraschung, hallo Elsa, wie geht’s dir?“ Die beiden kannten sich seit seinem ersten Fall als Berater für seine früheren Kollegen von der Mordkommission. In einem Dorf in der Eifel war ein Mann ermordet worden und Lennard war einer Gruppe von Marihuanahändlern mit eigener Plantage auf die Schliche gekommen. Er hatte sich bei Elsa Halscheid in dem kleinen Eifeldorf einquartiert, als seine ehemalige Kollegin Sabine Franck ihn um Hilfe gebeten hatte. Sie hatten sich angefreundet und schon ein paar Mal in Köln getroffen, jedes Mal, wenn Elsa mal wieder eine Auszeit vom Landleben brauchte.

„Hör zu, hier stimmt etwas nicht“, Elsas Stimme klang nicht so gelassen, wie Lennard es von ihr kannte. „Mein Nachbar ist gestorben. Kohlenmonoxidvergiftung. Alle, auch die Polizei, denken, es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, ein Dohlennest hatte seinen Schornstein verstopft. Aber ich glaube das nicht. Da ist etwas ganz faul! Hast du in den nächsten Tagen Zeit? Kannst du vorbeikommen?“

Lennard hatte es schon aufgegeben, sich über neue Einsätze in der Eifel aufzuregen. Eigentlich mochte er das Land überhaupt nicht, es war für ihn dort sehr viel beschwerlicher als in der Stadt. In Köln zum Beispiel gab es an vielen öffentlichen Einrichtungen geriffelte Linien am Boden, die er mit seinem Stock erfühlen konnte und die für ihn als Blinder eine große Orientierungshilfe waren. Was nicht hieß, dass die ganze Stadt nicht immer noch vor baulichen Mängeln strotzte, doch von Jahr zu Jahr entwickelte sie sich weiter. Elsas Dorf dagegen hatte nicht einmal Bürgersteige, geschweige denn Leitsysteme für Blinde! Dort fühlte sich viel unsicherer. Obwohl die Leute meistens sehr nett waren, ihn direkt ansprachen und ihm sofort ihre Hilfe anboten. Das wiederum kannte er von der Stadt kaum. Hier fühlte er sich manchmal verloren, vor allem wenn er etwas tat, was nicht zu seiner alltäglichen Routine gehörte. Selten kam jemand direkt auf ihn zu und bot ihm seine Hilfe an. Aber was er in solchen Situationen am meisten hasste, war, wenn Menschen ihm ganz ungefragt „halfen“, ihn bei einer Rolltreppe kurzerhand und ohne Worte beim Arm nahmen. Bei solchen Überrumpelungen konnte er ziemlich unfreundlich werden.

Seit er aber mit Steve, seinem Blindenführhund, unterwegs war, hatte sich in Lennards Leben vieles erleichtert. Der Labrador führte ihn seit einiger Zeit sicher an Straßenschildern, parkenden Autos, Pfützen oder anderen Fußgängern vorbei und zeigte ihm Treppen, Türen oder einen freien Sitzplatz in der Bahn. Er hörte auf jeden von Lennards Befehlen. Bis auf einmal: Da hatte er Lennards Befehl verweigert und ihn dadurch vor einem Zusammenstoß mit einem lautlosen Elektroauto bewahrt. Steve war mit der Zeit ein sehr wichtiger Bestandteil in Lennards Leben geworden. Mit seiner Freundlichkeit, seiner Geduld und seiner Neugierde hatte er vom ersten Moment an Lennards Leben mit Leben gefüllt. Steve würde sich über ein bisschen mehr Auslauf sicherlich sehr freuen, mehr als Lennard zumindest.

„Ok, ich komme.“, sagte er zu Elsa, „ich schau mal nach Bahnverbindungen und gebe dir Bescheid, wann du mich am Bahnhof abholen kannst.“

„Du bist ein Schatz“, war alles, was Lennard noch hörte, Elsa hatte schon aufgelegt. Lennard lächelte. Anfangs hatte es ihn noch irritiert, dass Elsa nicht einmal ein Tschüss am Telefon fertig brachte, aber sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie nicht gerne telefonierte und jedes Gespräch so schnell wie sie konnte beendete.

Lennard bestellte ein Ticket für den nächsten Tag bei der Online-Reservierung der Bahn. Gefühlte vierzig Minuten und hundert Flüche später hatte er sein Ticket endlich ausgedruckt. Dann rief er Sabine Franck an, die Leiterin der Mordkommission.

„Dieses Mal ist es anders herum,“ erzählte er ihr, nachdem sie sich begrüßt und die Ereignisse der letzten Monate miteinander ausgetauscht hatten. Seit Lennard nicht mehr bei der Mordkommission war, sahen die beiden sich nur noch selten. Er hatte, nachdem er bei einem Einsatz sein Augenlicht verloren hatte, lange gebraucht, bis sein Lebensmut wieder zurückgekehrt war. Sabine hatte ihm dabei sehr geholfen und ihn verband eine tiefe Freundschaft mit seiner Exkollegin. Damals, kurz nach seinem Krankenhausaufenthalt wollte er nicht mehr weiterleben. Er konnte sich ein Leben ohne die vielen Eindrücke in dieser schnellen Welt der Bilder nicht vorstellen. Er war immer ein eher visueller Typ gewesen. Langsam und durch Sabines Hilfe hatte er sich wieder aufgerafft und alles für ihn früher Selbstverständliche, wie die Orientierung in öffentlichen Räumen, wieder und wieder üben müssen. Tagelang. Genauso ging es ihm auch mit Braille. Anfangs hatte er das Gefühl, er besäße gar keinen Tastsinn in seinen Fingerspitzen. Nur durch stundenlanges Üben hatte er gelernt, wieder flüssig zu lesen.

Mittlerweile kam er sehr gut alleine zurecht. Im Internet standen ihm fast alle Informationen per Sprachausgabe zur Verfügung, seine Kleider konnte er dank eines kleinen Geräts zur Farberkennung auswählen und ein sprechendes Thermometer sagte ihm, welche Kleidung zu dem Tag passte. Er war ganz gut organisiert, fand er.

Elsa wartete schon auf dem Bahnsteig des kleinen Bahnhofs. Als sie Steve sah, war sie ganz aus dem Häuschen. „Nee, nee, dass du mir das nicht erzählt hast, Lennard! Was bist du denn für einen feinen Hund?“ Die beiden schienen sich auf Anhieb zu mögen.

„Vielleicht begrüßt du mich auch einmal?“, scherzte Lennard. Sie mussten noch eine halbe Stunde über Land fahren, um Elsas Dorf zu erreichen. Während der Fahrt erzählte ihm Elsa, was passiert war.

„Die Brauns sind vor ein paar Jahren ins Dorf gezogen. Der Mann hatte einen gut gehenden Holzhandel. Ursprünglich kamen sie aus dem Ruhrgebiet, aber sie schienen sich hier ganz wohlzufühlen. Nach und nach kaufte er immer wieder kleinere Holzbetriebe auf, anfangs noch von Leuten, die ihren Betrieb aus Altersgründen aufgaben. Doch immer wieder hörte man in der letzten Zeit davon, dass er die Preise auf dem Eifeler Holzmarkt kaputt macht. Er bietet so günstig an, dass kein kleinerer Betrieb mehr mithalten kann.“

„Der Braun war wohl nicht sehr beliebt im Dorf“, dachte Lennard laut.

„Was heißt im Dorf, niemand in der ganzen Gegend war mehr gut auf ihn zu sprechen. Außer seinen Mitarbeitern natürlich. Die sind ja auch froh einen Job zu haben. Aber der Kerl war seit Monaten das Thema Nummer eins auf Dorffesten oder Familienfeiern.“

„Und wie bist du in die Sache verwickelt?“, fragte Lennard.

„Die Brauns sind quasi Nachbarn von mir. Ich mag die Frau sehr gerne. Ihn kannte ich kaum, er war ja selten zu Hause. Sie arbeitet als Lehrerin in der Stadt. Wenn beide weg waren, habe ich manchmal die Katzen und die Blumen versorgt. Ich hatte einen Schlüssel von der Wohnung.“

„Du hast sie als Erste entdeckt, nicht?“

„Ja, die beiden wollten in ihr Ferienhaus an der Nordsee. Ich bin kurz vorbei, um nachzusehen, ob sie auch alle Fenster geschlossen hatten und ob alles in Ordnung war. War es aber nicht. Schon als ich ins Haus kam, hatte ich ein komisches Gefühl. Dann sah ich die Koffer im Flur und als niemand auf mein Rufen antwortete, habe ich in alle Zimmer geschaut. Und fand die beiden im Schlafzimmer. Ich wusste ja nicht, was passiert sein konnte, ich habe nichts gerochen von dem Kohlenmonoxid! Dann habe ich sofort Edwin angerufen, der ist bei der Feuerwehr. Ich sollte nichts anrühren, hat der gesagt und ist dann auch nach ein paar Minuten mit seinen Kollegen gekommen. Er hat sofort reagiert und konnte die Petra zum Glück noch retten! Ich selbst bin dann ohnmächtig geworden und die haben mich zur Überwachung mit ins Krankenhaus genommen. Aber ich war ja zum Glück nur kurz in dem Haus und konnte schnell wieder nach Hause.“

„Und die Polizei meinte, es sei ein Unfall gewesen?“

„Ja, sie haben ein Dohlennest im Schornstein der Brauns gefunden. Dadurch gab es einen Rückstau der gefährlichen Gase – die Brauns haben eine Gastherme – und sie haben das Kohlenmonoxid eingeatmet, ohne es zu merken. Petra war ein paar Tage vorher zu ihrer Mutter gefahren und erst am Tag zuvor zurückgekommen. Dadurch erklären die Ärzte sich, dass sie nicht auch an dem Gas gestorben ist. Das Kohlenmonoxid scheint schon Tage zuvor in die Wohnung geströmt zu sein, ohne dass Oliver Braun es merkte. Grausam!“

Elsa verstummte. Sie waren mittlerweile im Dorf angekommen. Lennard brachte seine Sachen in sein Zimmer und die beiden machten sich auf zu einem kleinen Spaziergang. Sie wollten zunächst durchs Dorf und danach zurück zum Haus der Brauns, das ganz in der Nähe etwas außerhalb lag.

„Der Lennard! Was für eine schöne Überraschung! Schön dich zu sehen!“ Es war die Stimmer von Fritz, einem alten Bauern, die Lennard gleich wiedererkannte.

„Na, von dir kann ich das nicht sagen, aber ich freue mich, dich zu hören, Fritz“, feixte Lennard. Er spürte, dass Fritz stutzte, doch einen Augenblick später begann er laut zu lachen. „Du machst das richtig, Lennard“, brachte er zwischen zwei Glucksern heraus und die beiden gaben sich die Hand. Lennard fühlte sich wie ein alter Bekannter. So sehr ihm das Landleben fremd erschien – er hatte in der Stadt in all den Jahren nicht annähernd so viele Menschen kennengelernt und mit ihnen gesprochen, wie das in dem kleinen Eifeldorf der Fall war.

Lennard und Elsa spazierten weiter, heraus aus dem Dorf. Bis sie an ihrem Ziel angekommen waren, dauerte es eine Weile, sie trafen noch ein paar Dorfbewohner und unterhielten sich kurz mit ihnen. Lennard erkannte die meisten nicht wieder, aber alle kannten ihn, wie ihm schien. Und natürlich mussten sich alle mit Steve bekannt machen, der Hund ließ sich freudig streicheln und bewundern.

„Einen Wachhund hast du dir ja nicht gerade angeschafft“, grinste Elsa, als sie schließlich zu dem Haus der Brauns ankamen. Petra Braun war mittlerweile aus dem Krankenhaus zurück. Sie schien das Geschehene immer noch nicht richtig fassen zu können.

Nach jedem zweiten Satz brach sie wieder in Tränen aus, als Lennard ihr ein paar Fragen stellte. „Wieso wollen Sie das denn wissen?

Es war ein tragischer Unfall! Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe damit? Elsa, was soll das?“. Sie schluchzte. „Warum lasst ihr mich nicht alle in Ruhe! Heute noch kam Maik und wollte Unterlagen von Oliver. Als hätte ich nicht genug Kummer!“

„Was denn für Unterlagen, Petra?“, fragte Elsa. „Oliver hatte doch Maiks Firma aufgekauft, der hatte doch damit nichts mehr zu tun?“

„Was weiß ich, den Kaufvertrag wahrscheinlich. Ich habe ihm die ganze Akte gegeben, er hat mir versprochen, mir die Sachen nächste Woche wiederzugeben.“

Petra war so außer sich, dass Elsa noch bei ihr bleiben wollte. Lennard und Steve machten sich auf den Weg, mit Steve fühlte Lennard sich sicher genug, Elsas Haus wiederzufinden. Kurz bevor sie ankamen, hielt ein Auto neben ihnen. Lennard hörte eine Frauenstimme.

„Entschuldigen Sie, ich suche das Gasthaus Graaf, können Sie mir sagen…“, die Frau stutzte. Nach einem kurzen Moment stammelte sie: „Oh das tut mir leid, ich habe nicht gesehen, dass Sie blind sind. Ich…“

„Das macht nichts.“Lennard wandte den Kopf in ihre Richtung. „Ist ja keine ansteckende Krankheit. Ich freue mich eigentlich immer, wenn ich auf jemanden wie Sie stoße, die das gar nicht sofort bemerkt. Manche Leute meiden mich förmlich, sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Manchmal würde ich wirklich gerne ihre Gesichter sehen. Oder auch lieber nicht – ich konnte mich bislang noch nicht entscheiden“.

Er lächelte und spürte, dass auch die Frau lächelte. „Was wollen Sie denn in diesem gottverlassenen Dorf?“, fragte er. „Suchen Sie die ultimative Erholung?“ Jetzt lache die Frau laut auf.

„Nein, ich arbeite hier. Ich bin Ornithologin und untersuche das Brutverhalten des roten Milan. Es gibt hier glücklicherweise noch einige davon. Sie werden ihn gut erkennen können, er hat einen unverwechselbaren Pfeifton.“

„Das hört sich interessant an. Ich muss zugeben, ich kenne mich nicht gut aus, ich kann gerade eine Taube von einer Amsel unterscheiden.“ „Das ist einfacher, als Sie denken. Wenn Sie wollen, kommen Sie einfach in den nächsten Tagen einmal mit mir, Sie müssen nur früh genug aus dem Bett kommen, ich gehe in der Regel um fünf Uhr los.“

Lennard willigte ein, die Frau war ihm sehr sympathisch. Es war nun schon das zweite Mal, dass er auf dem Land war und eine ihm sehr sympathische Frau traf. Beim ersten Mal war diese Sympathie im jedoch fast zum Verhängnis geworden, denn diese Frau entpuppte sich als die Mörderin, die sie suchten; und sie wollte auch Lennard an den Kragen. Die beiden verabredeten sich für den übernächsten Tag um sieben Uhr.

„Sie können mich gleich mitnehmen, wenn Sie zum Gasthaus wollen, ich wollte sowieso einen Kaffee trinken gehen. Ich heiße übrigens Lennard und das hier ist Steve.“

„Es freut mich sehr, Lennard und Steve, wie schön, dass mir die Ersten, denen ich hier im Dorf begegne, so sympathisch sind. Ich heiße übrigens Annika.“

‚Ganz meinerseits‘, dachte Lennard als er in den Wagen einstieg. Steve konnte für diese kurze Strecke vorne im Fußraum bleiben.

Der Wirt des Gasthauses erkannte Lennard ebenfalls gleich wieder und begrüßte ihn freundlich. Er führte ihn an einen freien Tisch und brachte Lennard den Kaffee.

Die Gaststube war außergewöhnlich voll für einen späten Nachmittag. Die Leute saßen in Gruppen an den Tischen und viele auch an der Theke. Lennard ließ die Atmosphäre erst einmal auf sich wirken. Es war große Aufregung in der Luft. Kein Wunder, der Tod von Oliver Braun war bei allen das Hauptthema.

„Zum Glück hat er nicht stark gelitten“, hörte er an einem der Tische, „wie schrecklich für die Petra. Nun ist sie ganz alleine. Was für ein unglücklicher Zufall. Ein Dohlennest im Schornstein. Wo gibt’s denn so was?“

„Na ja, schade drum ist es nicht gerade, der Braun konnte den Hals ja auch nicht voll kriegen“! Das kam vom Nachbartisch. „Den Maik hat er mit seiner Gier in den kompletten Ruin getrieben. Das wirkt fast schon wie eine gerechte Strafe.“

„Na, na, nun mal halblang“, dies war die Stimme des Wirtes. „Der Maik hätte es alleine nie geschafft. Der hat sich ja eigentlich selbst ruiniert. Wenn jemand kein Geschäftsmann ist, dann Maik. Aber er wollte ja unbedingt den großen Mann spielen. Ich weiß noch, wie er hier in die Kneipe kam und nicht mehr aufhören wollte zu prahlen. Wie viel Geld er verdiene und wie wichtig seine Kunden seinen und dass sie aus der ganzen Welt kämen. Es war kaum noch zu ertragen.“

Lennard hatte genug gehört. Er zahlte seinen Kaffee, stand auf und ging mit Steve hinaus.

„Tschö Lennard“, sagte der Wirt und einige der Gäste an der Theke. „Bis morgen“.

„Ich denke, wir sollten Maik einen Besuch abstatten“, sagte Elsa, als Lennard ihr von den Gesprächen in der Dorfkneipe erzählte. „Man kommt aber nur schlecht an ihn heran. Seit er sein Unternehmen verloren hat, säuft er wie ein Loch. Wenn man ihn zu sprechen kriegt, ist er entweder betrunken oder verkatert. Beides ist nicht gut auszuhalten. Das Einzige, was ihn noch aufrecht hält, sind seine Bienen. Er züchtet sie selbst und ist im Dorf der absolute Experte.“

Sie verabredeten, dass der späte Vormittag ein guter Zeitpunkt sei, um mit Maik zu sprechen. Dann hatte er schon seinen ersten Kaffee auf und das erste Bier hoffentlich noch nicht.

Als Lennard abends im Bett lag, hörte er noch zwei Amseln an seinem Fenster und musste an die Ornithologin denken. Doch nicht sehr lange, denn kurze Zeit später war er fest eingeschlafen.

Der nächste Tag versprach schön zu werden. Gegen elf Uhr machten sich Elsa, Lennard und Steve auf zum Haus von Maik. Lennard hakte sich bei Elsa ein, er hatte Steve das Geschirr abgenommen und der freute sich wie ein junger Welpe, einmal ganz ohne Zwang herumtollen zu können.

Maik Hammes machte ihnen die Tür auf. „Hallo Maik“, begrüßte ihn Elsa freundlich. „Ich wollte dir Lennard vorstellen, er ist ein guter Freund von mir. Ich habe Lennard von deinem vorzüglichen Honig erzählt. Hast du noch davon?“

„Kommt rein,“ knurrte Maik, der verkatert klang aber auch sichtlich stolz. „Ich habe gerade frischen Kaffee gemacht“, Er ging zur Seite und ließ die drei herein. Er schien gar nicht so brummig, wie Lennard ihn sich vorgestellt hatte. Sie setzten sich in die Küche und Maik ließ Lennard drei Honigsorten kosten. Sie waren alle drei vorzüglich und Lennard kaufte jeweils zwei Gläser von jeder Sorte. In der Stadt wäre das der Renner bei seinen Freunden, frischer selbst gemachter Honig vom Land.

Als sie auf den Tod von Oliver Braun zu sprechen kamen, verfinsterte sich Maiks Stimmung auf einen Schlag. „Ja, tragisch“, war das Einzige, was er zu dem Tod sagte. Lennard ließ nicht locker. „Wahrscheinlich haben die Schornsteinfeger derzeit Hochkonjunktur hier in der Gegend“, sagte er zu Maik.

Maik wurde wieder gesprächiger. „Ja, bestimmt. Auch ich habe sofort bei mir auf dem Dach geschaut, ob mein Schornstein frei ist. Gestern noch habe ich eine Dohle auf dem Baum neben meinem Haus gesehen. Die ist dort jeden Tag, das Drecksviech. Und tatsächlich, ich hatte auch ein Nest im Schornstein. Zum Glück habe ich keine Gastherme, wie die Brauns, sonst wäre es mir genauso ergangen wie Oliver. Ich heize mit Holz und wenn der Schornstein verstopft ist, kriege ich das mit, der Rauch ist dann im ganzen Haus. Das Tückische bei Gas ist, dass man es nicht bemerkt.“

Maik stand auf und verließ das Haus. Als er zurückkam, hatte er ein Dohlennest in der Hand und zeigte es Elsa. „Mensch Maik, du hast wirklich Glück gehabt!“, sagte sie. Als Lennard und Elsa das Haus verließen, blieb Lennard nach ein paar Schritten stehen und lauschte. Nichts. Kein Dohlengesang. Nur das aufgeregte Kreischen einer Amsel war zu hören. Das Einzige, was der von früher wusste, war, dass der Ruf einer Dohle dem einer Möwe gleicht, mehr leider nicht. Er würde Annika morgen danach fragen.

„Maik kannte sich aber gut aus“, sagte Elsa. „Hätte ich gar nicht von ihm gedacht.“

Am anderen Morgen um fünf Uhr standen Lennard und Steve parat vor der Haustür. Elsa schließ noch tief und fest und die beiden hatten sich aus dem Haus geschlichen.

Lennard hörte ein Auto und Annikas Stimme. „Da seid ihr ja. Wie schön, dass ihr mitkommt. Mein Job ist zwar das Schönste, was ich mir vorstellen kann, aber manchmal doch recht einsam. Dann mal los“. Sie fuhren in den nahegelegenen Wald. Annika ging vor und Steve führte Lennard sicher an allen Bäumen und Hindernissen vorbei.

Sie kamen zu einem Hochsitz, der am Rande des Waldes lag. Annika hatte die Erlaubnis des Jagdpächters, seine Hochsitze für ihre Untersuchungen zu nutzen. Sie stiegen hinauf und horchten. Steve hatte es sich unter dem Hochsitz bequem gemacht und schlief. „Zum Glück ist dein Steve kein Jagdhund, dann könnte er nicht mitkommen. Er würde mir sonst den ganzen Wald aufscheuchen und alles wäre vergebens“, flüsterte Annika. ‚Des einen Freud, des anderen Leid‘, dachte Lennard und musste grinsen. Vor ein paar Tagen noch hatte Elsa sich über den fehlenden Jagd- und Wachinstinkt seines Hundes lustig gemacht.

Die Stimmung im Wald schien ausgelassen. Meisen, Finken, Amseln und sogar ein Waldkäuzchen war zu hören. Es wirkte fast wie ein Orchester. Lennard genoss den Ohrenschmaus. „Da, hörst du?“, flüsterte Annika aufgeregt. „Endlich ist auch der Milan aufgetaucht. Wie schade, dass du ihn nicht sehen kannst, er ist so ein eleganter Vogel“. Lennard hörte ein lang gezogenes Wiiieeh, das fast klagend klang. „Du hast Glück“, sagte Annika, „normalerweise sind Milane eher still. Aber unser hier streitet sich gerade mit einem Bussard um die Nahrung. Dann können die eher stillen Milane sehr lautstark werden.“

Sie hörten den Streitereien zu und Annika machte sich Notizen und fotografierte. Nach einiger Zeit wurde es immer ruhiger.

„Wir können gehen“, sagte Annika, „hier passiert jetzt nichts mehr.“

Lennard war froh, denn außer einem Kaffee hatte er heute Morgen noch nichts zu sich genommen. Er sehnte sich nach einem Brötchen mit einem frisch gekochten Ei und Elsas leckerer Marmelade. Annika fuhr noch beim Bäcker vorbei und Lennard lud Annika zu Elsa ein. Sie würde bestimmt nichts dagegen haben.

Die drei machten sich ein fürstliches Frühstück und unterhielten sich. Annika und Elsa waren sich sofort sehr sympathisch und Elsa lud Annika ein, bei ihrem nächsten Ausflug ins Dorf einfach bei ihr zu übernachten. Dann erzählten sie Annika von dem tragischen Tod von Oliver Braun. „Das ist doch wirklich ein seltsamer Tod, oder? Vergiftet an Kohlenmonoxid, nur weil eine Dohle ihr Nest im Schornstein eingerichtet hat“, meinte Elsa.

„Wieso Dohle?“, fragte Annika. „Seid ihr sicher, dass es ein Dohlennest war?“ „Ja, ganz bestimmt“, antwortete Elsa, „die Feuerwehr hat es zweifellos als Dohlennest erkannt. Und auch Maik hatte ein Dohlennest in seinem Schornstein. Er hat es mir ja gezeigt!“

„Das kann nicht sein“, sagte Annika. „Erst einmal sind Dohlen sehr gesellige Vögel und kommen nie alleine vor. Und zweitens liegen wir hier in 700 Metern Höhe. Viel zu hoch für Dohlen und viel zu kalt. Es gibt hier bestimmt keine Dohlen!“

Zunächst war es ganz still in Elsas Küche. Dann griff Lennard nach seinem Handy und wählte Sabines Nummer.

„Ich bin‘s, Lennard“, sagte er in den Hörer. Sabine, ihr müsst doch kommen. Oliver Braun ist ermordet worden.“

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