Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Stallgeruch

Auf einem Pferdehof wird die Leiche eines Mannes gefunden. Er lag in einer Pferdebox, zu Tode getrampelt von einem wild gewordenen Pferd. Wer war der Mann? Wie kam er in diese Box? Warum hat er sich nicht befreien können? Viele Fragen für den blinden Ermittler Lennard Walden.

Ein Krimi von Renate Gervink.

Der Mann wachte auf. Alles tat ihm weh und sein rechtes Auge war geschwollen. Er konnte es kaum öffnen. Aber auch mit beiden Augen hätte er so gut wie nichts gesehen. Es war stockfinster. Er wusste nicht, wo er war, es roch nach Stall und er hörte, dass ein Pferd ganz in seiner Nähe war. Dann erkannte er die Umrisse des Tieres. Das Pferd war nervös, es schnaubte und scharrte mit den Hufen. Plötzlich gab es einen lauten Knall. Das Pferd wieherte, und bäumte sich auf, der Mann konnte erkennen, dass das Tier außer sich war vor Angst. Genau wie er selbst. Aber es war ihm nicht möglich zu fliehen, er konnte sich nicht bewegen. Er war allein mit diesem tobenden Pferd. Das Letzte, das er spürte, war ein harter Schlag auf den Kopf.

Es klingelte. Lennard saß an seinem Schreibtisch und griff zum Telefon. Zumindest dorthin, wo es sonst immer liegt. Aber da war nichts, er griff ins Leere. „Mist“, fluchte er leise, stand auf und ging in die Richtung, aus der das Summen kam. Doch er kam nicht weit. „Au, verflucht! Auuuaaa! Anniiikkkaaa!“ Er war über einen Einkaufskorb gestolpert, gefallen und hatte sich beim Aufstehen auch noch gegen die Tischkante gestoßen. „Annika, das geht so nicht! Du kannst deine Sachen nicht einfach überall herumliegen lassen!“ Annika und Steve kamen gleichzeitig aus dem Wohnzimmer gelaufen. Annika half ihm auf. „Du Ärmster, tut mir leid, ich verspreche dir, ich werde mich bessern“, sagte sie, konnte sich aber das Lachen nicht verkneifen. Lennard schien ein lustiges Bild abzugeben, wie er dort stand, sich den Kopf hielt und fluchte.

Seit ein paar Monaten war Lennard nun mit Annika zusammen. Sie hatten sich fast genau ein Jahr zuvor bei Greta im Eifeldorf kennengelernt, als Lennard und Greta einem Mord durch Kohlenmonoxidvergiftung nachgingen und Annika an einem ornithologischen Projekt im gleichen Dorf arbeitete. Die beiden waren sich vom ersten Tag an sympathisch gewesen. Annika hatte ihm die Freude am Leben zurückgegeben. Vor nunmehr 13 Jahren war er bei einem Einsatz als Ermittler der Kriminalpolizei, bei dem alles aus dem Ruder gelaufen war, durch eine Explosion schwer am Kopf verletzt worden. Er hatte die Explosion zwar überlebt, war jedoch seitdem erblindet.

Es hatte lange gedauert, bis er sich mit seiner neuen Lebenssituation abgefunden hatte und seit drei Jahren arbeitete er wieder mit ihr zusammen, als beratender Ermittler in Fällen, in denen das Team seiner Ex-Kollegin Sabine nicht richtig weiterkam und Lennards Erfahrungen und Spürsinn gefragt war. Er konnte zwar nicht sehen, aber dieser Umstand war in den Mordfällen, an denen er in den letzten Jahren gearbeitet hatte, fast schon von Vorteil gewesen. Denn auf irgendeine Weise entwickelten die Menschen, mit denen er sprach, sehr schnell ein großes Vertrauen zu ihm, so als nähme seine Behinderung ihnen die Angst vor dem Unbekannten, als sähen sie sich als Sehende im Vorteil. Lennard hatte diese Position lange Zeit gehasst, bis Sabine ihn dazu brachte, sein Denken zu ändern und die Vorteile dieser Position zu nutzen.

Und dann war Annika gekommen. Mit ihr fühlte er sich so anders, irgendwie wieder ganz. Seine Blindheit war für Annika nicht einmal der Rede wert, sie sah ihn als Lennard, nicht als den blinden Lennard.

Aber trotz allem Verliebtsein war es für Lennard manchmal schwer, wenn Annika sein geordnetes Leben, so wie er es sich eingerichtet hatte, durcheinanderwirbelte. Er war immer schon ordentlich gewesen und dies hatte ihm, als er plötzlich nicht mehr sehen konnte, sehr geholfen. Denn, um sich wenigstens zu Hause frei bewegen zu können, musste immer alles am gleichen Platz sein, Stühle, die nicht an ihrem gewohnten Platz standen, wurden für ihn zum Hindernis und wenn der Kaffee nicht an seiner ihm angestammten Platz stand, war es für Lennard schwer, ihn zu finden. Der Kaffee konnte nicht sprechen und Steve, sein Hund und ständiger Begleiter verstand zwar schon, wenn er Lennard seine Schuhe bringen sollte, doch mit Küchenutensilien hatte er keinen Erfolg. Deshalb verabscheute Lennard Veränderungen.

Und nun war Annika da und er stolperte ständig oder fand Dinge nicht wieder. Es war ihr noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, dass für Lennard Ordnung notwendig war. Sie war es gewohnt, ihre Schuhe auszuziehen und an Ort und Stelle liegen zu lassen. Sie kannte noch nicht alle Positionen aller Gebrauchsgegenstände in seiner Wohnung und stellte sie dort ab, wo gerade Platz war. Sie verstand Lennards Wunsch nach Ordnung zwar und versuchte dem so gut es ging nachzugehen. Aber es entsprach nicht ihrer eigenen Gewohnheit und war für sie umso schwerer.

Zum Glück nahm sie seine Wutausbrüche immer mit Humor, sodass auch Lennard sich schnell wieder entspannte. Auch er musste einsehen, dass nicht immer alles nur nach seinen Bedürfnissen ging und dass manche Entwicklungen eben seine Zeit brauchten. Und so verbrachten sie, wenn sie sich trafen, den ersten Tag immer damit, sich wiederaneinander zu gewöhnen.

Natürlich hatte das Telefon aufgehört zu klingeln. Aber Lennard wusste, dass es Sabine war, die versucht hatte, ihn zu erreichen. Er hatte sein Telefon so programmiert, dass verschiedene Klingeltöne seinen Nächsten zugeordnet waren. Es gab einen für Sabine, einen für Annika, einen für Greta, seine Freundin in der Eifel und einen für Marc, seinen besten und längsten Freund.

„Kannst du kommen? Wir haben hier ein Problem“, sagte Sabines, als er sie zurückrief. „Bin schon unterwegs“, sagte Lennard und als er aufgelegt hatte, fügte er in Richtung Annika hinzu: „Falls ich es bis zur Haustür schaffe. Der Rest ist ja ein Kinderspiel.“

Noch im Hausflur konnte er Annikas Lachen hören. Es war schön, wieder verliebt zu sein.

Als er auf dem Kommissariat ankam, gab Sabine ihm einen Überblick über den neuen Fall. Ein Mann war in einem Pferdestall zu Tode gekommen. Ein verängstigtes Pferd hatte ihm den Schädel zertrümmert, als er am Boden lag.

„Der Mann heißt Jonatan Zweiger, genannt Jonny. Er war Sportjournalist bei der Morgenzeitung. Bevor er auf diese grausame Weise zu Tode kam, war er schwer misshandelt worden, das hatte die Gerichtsmedizin herausgefunden. An seinen Händen und Füßen hat man Spuren von Fesseln gefunden.“,

Sabine war aufgestanden und zur Pinnwand gegangen. Manchmal vergaß sie, dass Lennard die Fotos sowieso nicht sehen konnte. Sie stutzte und setzte sich dann wieder hin. Lennard kannte diese Situation schon und lächelte. „Er war also nicht freiwillig in die Box gestiegen“, dachte er laut, als Sabine fertig war. „Und was ist mit dem Pferd?“

„Jetzt kommts“. Sabine machte eine Pause. „Das Pferd in der Box ist ein junges Spitzenpferd namens „Flèche“, das heißt Pfeil auf Französisch. Flèche räumt derzeit auf jedem Parcours sämtliche Preise ab und zählt zu den besten Dressurpferden Deutschlands. Die Stute scheint auch etwas abbekommen zu haben, seit der Nacht, als Jonny starb, ist sie völlig nervös und aggressiv. An ein Turnier ist in der nächsten Zeit nicht zu denken“, das sagt zumindest der Besitzer, ein gewisser Benno von Freimann. Der schäumt natürlich, gerade ist Hochsaison für internationale Reitturniere. Er wollte „Flèche“ verkaufen. Das ist sein Geschäft, er kauft junge Spitzenpferde, fördert und betreut sie und verkauft diese ausgebildeten Dressurpferde dann gewinnbringend.

Das ist ein unglaubliches Geschäft, das kannst du dir nicht vorstellen. Ein erfolgreiches Dressurpferd ist unglaublich teuer, letztens hat ein solches Pferd für zehn Millionen Euro den Besitzer gewechselt.“

Lennard pfiff durch die Zähne. „Wow! Zehn Millionen! Da kann ich mir vorstellen, dass der Besitzer aus dem Häuschen ist! Ihn können wir dann wohl von der Liste der Verdächtigen streichen, was meinst du?

„Tja, wer weiß?“, antwortete Sabine.

Drei Tage später fuhren Annika und Lennard auf den Pferdehof. Sie hatten sich als potenzielle Käufer ausgegeben und eine Einladung zu einer hochkarätigen Dressurpferde-Auktion. Sie wollten zunächst inkognito bleiben und sich in der Szene umschauen. Kaufkräftige Pferdeliebhaber, Züchter und Reitstallbesitzer aus der ganzen Welt sollten zu dieser Veranstaltung kommen. Die beiden hatten sich herausgeputzt, Lennard trug einen geliehenen Anzug und Annika hatte sich extra ein neues Abendkleid und gefährlich hohe Schuhe gekauft. Schon nach ein paar Schritten hatte sie schon angefangen, über ihre geschundenen Zehen zu jammern.

Es roch zwar nach Pferdestall, aber mit der edlen Dekoration wirkte die Umgebung eher wie eine außergewöhnliche Location einer Eventagentur. Annika beschrieb Lennard die Szene bis ins Detail. „Die haben aus dieser riesigen Scheune eine Art Abendgala gemacht. Die Tische sind festlich gedeckt und wenn du die Blumendeko sehen könntest! Die müssen einen ganzen Großmarkt leergekauft haben! Auf dem Tisch stand Meißener Porzellan und Silberbesteck. Das ist ja unglaublich! Und dass hier vor ein paar Tagen noch ein Mann zu Tode kam, davon ist auch überhaupt nichts zu merken.“

Lennard konnte sich das Ambiente gut vorstellen, er war vor vielen Jahren schon einmal auf einer solchen Auktion gewesen, als er noch sehen konnte. Für Annika war jedoch alles neu. Was Lennard spürte, war die Anspannung, die in dem Raum herrschte. Schließlich ging es ja heute um sehr viel Geld.

Der Auktionator wirkte selbstbewusst und ein absoluter Kenner der Szene. "Die Spielregeln sind klar, meine Damen und Herren, ansonsten nachzulesen im Katalog vor Ihnen“, klang es durch das Mikrofon. Es wurde still in der Scheune. An manchen Tischen hörte er, dass man sich schnell noch ein Glas einschenkte, ‚vermutlich Champagner, um sich Mut zu machen‘, dachte Lennard. Annika schätzte fast 300 Gäste. „Alle in ihren feinsten Abendroben, flüsterte sie Lennard zu. Das gibt es nicht, es sieht aus, als erwarte man eine Königin. Dagegen sehen wir in unseren feinsten Kleidern noch aus, als hätten wir bei C&A eingekauft.“

Lennard lauschte auf die Menschen. Er hörte Russisch, Englisch, Spanisch und Arabisch. Dann wieder die Stimme des Auktionators. „Sie sehen hier Rubin, unseren Nachwuchsstar, einen jungen Wallach“. Lennard hörte, wie das Pferd im Kreis herumgeführt wurde. Dann ging es los. 9000 sind geboten, 10.000 habe ich hier vorne, 11.000…. Der Auktionator sprach ohne Punkt und Komma. Es war schwer ihm zu folgen. Bei 15.000 kristallisierte sich eine Gruppe von drei Parteien heraus.

„Mannomann, wenn du sehen könntest, wie verachtend sich zwei der Bieter gegenseitig anschauen, wenn Blicke töten könnten“, Annika gefiel das Ganze sichtlich. Den dritten Bieter kann ich nicht sehen, er scheint per Telefon zu bieten. „61.000 habe ich hier vorne, 62.000, gibt es weitere Gebote? 62.000 zum ersten, 63.000, nun habe ich 63.000“, der Auktionator schien sich zu überschlagen.

Schließlich wechselte Rubin für 78.000 Euro den Besitzer, der Preis eines guten Mittelklassewagens. Lennard wusste, dass dies nur eine mittlere Kategorie auf dem Markt der Elite-Dressurpferde war. Es konnten auch schon einmal Pferde für zehn Millionen Euro den Besitzer wechseln. Unfassbare Preise und fast verständlich, dass es bei solchen Preisen schon einmal aggressiv hergehen konnte.

So ging es den ganzen Nachmittag weiter, insgesamt standen 30 Pferde im Katalog, Annika hatte sich die Verkaufspreise notiert, am Abend waren insgesamt weit über 800.000 Euro in der Kasse. Die meisten blieben in Deutschland, jeweils drei Pferde gingen nach Dänemark und Chile, zwei nach Schweden und Spanien und die Schweiz und jeweils eins nach Frankreich, Italien und die USA.

„Na, war für Sie dieses Mal nichts dabei?“, eine Frauenstimme kam von hinten auf Lennard und Annika zu. Darf ich mich vorstellen, Mein Name ist Jessica Lacroix, ich bin die Partnerin von Herrn von Freimann.“ Sie hatte eine angenehme dunkle Stimme und einen wunderbaren französischen Akzent.

Lennard und Annika stellten sich vor, sie gaben zwar ihre richtigen Namen an, verschwiegen jedoch den Grund ihres Kommens. Die drei plauderten ein wenig, bis ein Mann sich zu der Gruppe gesellte. Von einer auf die andere Sekunde veränderte sich dich Atmosphäre. Die Stimme von Jessica verlor ihren rauchigen Klang und die Spannung zwischen den beiden war förmlich zu spüren. Der Mann stellte sich als Benno von Freimann vor. Man wechselte ein paar Freundlichkeiten und kurz darauf waren die beiden wieder verschwunden.

Als sie außer Reichweite waren, seufzten Lennard und Annika fast gleichzeitig leise auf. „Das scheint ja nicht mehr die große Liebe zu sein zwischen den beiden“, sagte Lennard. „Du hättest mal seine Augen sehen sollen, er hatte sie so zusammengekniffen, dass er kaum noch daraus sehen konnte! Und er hat sie so fest am Arm gehalten, dass man den Schmerz in ihrem Gesicht sehen konnte. Sie musste sich schwer beherrschen um sich nichts anmerken zu lassen.“

Annika ließ Lennard stehen, sie wollte noch einmal zum Buffet, von dem sie ganz begeistert war, Lennard hatte jedoch keinen Hunger. Er machte sich auf den Weg zu den Ställen. Hier roch alles wieder ausschließlich nach Stall, nicht mehr nach einer Mischung von teurem Parfüm, Champagner und Pferd. Er vermisste Steve, doch fremde Hunde waren bei der Auktion nicht zugelassen, sie hätten die Pferde nervös machen können.

Aber Lennard hatte Ersatz. Seit Kurzem war er stolzer Besitzer eines Infrarot-Blindenstocks. Wobei man von Stock gar nicht mehr reden konnte, denn das Gerät hatte die Größe einer Taschenlampe. Es maß die Entfernung zu einem Hindernis mittels eines unsichtbaren Infrarotlichts. Wenn Lennard sich zum Beispiel einer Mauer, einer Tür oder einem anderen Menschen auf einen Meter näherte, vibrierte das Gerät in seiner Hand. Je näher er kam, umso stärker wurde die Vibration. So konnte er erkennen, wie weit er von dem Gegenstand, auf den er sich zubewegte, entfernt war. Lennard hatte schnell gelernt, damit umzugehen und war froh über diese Orientierungshilfe, die ihn wieder ein kleines Stück selbstständiger machte.

Er erreichte den nächsten Stall und suchte mit dem Blindenstock den Eingang. Aus dem Stall kamen Stimmen. Zunächst konnte er sie kaum erkennen, doch als er sich näherte, hörte er, dass es Jessica Lacroix war, die mit einem jungen Mann stritt. „Reiß dich zusammen“, zischte sie.

Dann schien sie Lennard bemerkt zu haben. Er hörte eine Bewegung und dann sprach die Frau in seine Richtung. „Hallo Herr Walden, sind Sie alleine hier? Sie sind ausgesprochen selbstständig, man könnte meine, Sie seien gar nicht blind.“

Lennard war über die Offenheit der Jungen Frau überrascht. Es war selten, dass jemand seine Blindheit so direkt ansprach. Er war einerseits erfreut darüber, andererseits konnte er in ihrer Stimme erkennen, dass Jessica ihre Sätze nicht unbedingt anerkennend gesprochen hatte, sondern ehe genervt. Er hatte die beiden gestört, das wurde ihm schnell klar.

„Soll ich Sie wieder zu Ihrer charmanten Begleitung bringen?“ fragte sie. Sie hatte sich schnell wieder im Griff und ihre Stimme wirkte wieder unbekümmert und freundlich.

„Das ist nett“, erwiderte Lennard, „aber ich bin ja gerade erst gekommen. Ich wollte ein wenig die Stallatmosphäre schnuppern. Ich bin als Kind selbst geritten, wissen Sie?“ Doch Jessica Lacroix war nicht zum Plaudern aufgelegt, das merkte Lennard.

„Dann lass ich Sie allein und mache mich auf die Suche nach meinem Benno“, sie strich ihm im Vorbeigehen über den Arm und verließ den Stall.

Lennard schlenderte durch den Stall, stieß an manchen Boxen mit einem Pferdekopf zusammen, der aus der Boxentür ragte und den sein Infrarotstock nicht aufnahm und genoss die Atmosphäre. Nicht weit entfernt hörte er ein Geräusch. Jemand war dabei, einen Sattel zu putzen, er hörte das Reiben und nahm einen leichten Geruch von Lederfett wahr.

„Mein Name ist Lennard Walden, darf ich mich zu Ihnen gesellen? Als Kind habe ich es geliebt, mich in Pferdeställen herumzutreiben und ich liebe immer noch diesen ganz besonderen Duft.“ Lennard wusste, dass man ihn, wenn er ganz unbekümmert tat, seine Gegenüber ihm als Blinden schnell vertrauten. Viel schneller, als früher, als er noch sehen konnte. Er hatte immer den Eindruck, dass dadurch, dass sie ihre Fassade schnell ablegten, da er sie sowieso nicht sehen konnte.

Bei dem jungen Mann war es genauso. Anfangs war er noch sehr verhalten und schien immer auf der Hut zu sein, doch nach einiger Zeit legte sich seine Nervosität und er beruhigte sich und er erzählte Lennard von seinem Job auf dem Gut. Er hieß Mirco, war Pferdewirt und für diesen Stall zuständig. Zwölf Pferde hatte er zu betreuen, vier davon waren heute verkauft worden.

„Was ist eigentlich aus dem Pferd geworden, durch das der Mann zu Tode gekommen ist?“, fragte Lennard nach einiger Zeit. „Der steht hier hinten, wieso?“ Die Antwort war kurz und das Misstrauen kehrte in die Stimme des jungen Mannes zurück.

Bevor Lennard darüber nachdenken konnte, klingelte sein Handy. Es war Sabine. „Lennard, wir kommen jetzt auf den Hof. Wir nehmen Benno von Freimann fest. Wir haben den dringenden Verdacht, dass er Jonatan Zweiger umgebracht hat. Bleib du ruhig als Gast dort. Ich habe meinen Leuten gesagt, sie sollten dich wie einen Fremden behandeln, das könnte uns noch helfen“, da hörte Lennard in der Ferne schon die Sirenen der Einsatzwagen.

Mirco hörte sie auch und hatte es plötzlich sehr eilig. „Es hat mich gefreut, sie kennengelernt zu haben, Herr Walden, Sie finden ja selbst den Weg“, sagte er und verließ eilig den Stall.

Lennard wollte sich gerade auf den Weg machen, als Annika auf ihn zukam. „Hier bist du“, sagte sie und Lennard hakte sich bei ihr unter. „Wir kennen die Leute von der Polizei nicht“, warnte er sie schnell. „Erzähl mir, was du siehst“.

„Es kommen gerade vier Polizeiwagen auf den Hof gefahren, berichtete sie. Die Polizisten steigen aus und gehen auf Benno von Freimann zu. Mensch, dem ist das Lächeln schlagartig alles aus dem Gesicht gefallen. Der sieht wie versteinert aus. Die Gäste sind alle völlig überrascht. Sie stehen in Gruppen zusammen und keiner sagt ein Wort.

„Siehst du Jessica Lacroix?“

„Nein, sie ist nicht neben von Freimann, ich sehe sie auch nicht unter den Leuten. Jetzt sehe ich sie. Sie geht ins Haus! Wie seltsam. Sie dreht sich nicht einmal um.“

„Kannst du jemanden sehen, der ihr folgt?“

„Nein, da ist niemand. Doch! Du hast Recht! Ein junger Mann, er trägt Stiefel. Jetzt ist er im Haus verschwunden. „

„Komm mit, wir gehen zum Haus, die sind nun sowieso alle mit der Festnahme beschäftigt.“

„Sag mir was du siehst“, flüsterte Lennard, als sie dort ankamen. „Kannst du uns so postieren, dass sie uns nicht bemerken?“

Annika führte Lennard hinter das Haus, wo sie ungesehen von allen anderen Einblick in die Küche hatte.

„Ich kann Jessica und den jungen Mann durch das Fenster sehen. Er sitzt auf einem Stuhl und hält den Kopf gesenkt. Sie steht vor ihm und redet auf ihn ein. Die beiden scheinen sich zu streiten. Sie sieht ziemlich wütend aus. Der Junge eher verzweifelt. Warte, komm mit, ich sehe ein offenes Fenster, lass uns … Mist! Duck dich!“

Doch es war zu spät, das Fenster wurde geöffnet und Jessica Lacroix Stimme war eisig: „Was machen Sie hier? Spionieren Sie mir nach?“

„Oh, hallo Frau Lacroix, darf ich Sie Jessica nennen?, Lennard lächelte. „Entschuldigen Sie, die Sirenen haben mich ein wenig unsicher gemacht. Ich suche eigentlich Annika, meine Partnerin. Da habe ich mich wohl gehörig in der Richtung geirrt. Könnten Sie mich vielleicht zu ihr bringen?“ Lennards Stimme säuselte.

„Warten Sie, ich bringe sie“. Sagte Jessica schroff und schloss das Fenster. Annika hatte nun kurz Zeit zu verschwinden und rannte um das Haus herum. So konnte sie sich unbemerkt unter die Menge mischen. Sie stand dort mit einer Gruppe von anderen Gästen und beteiligte sich lebhaft an dem Gespräch, als Jessica mit Lennard am Arm zu ihr kam.

„Da bist du ja, Liebster“, sagte Annika, „hast du mitbekommen, was passiert ist?“

„Nicht so richtig“, log Lennard,“ ich habe mich ein wenig verlaufen. Frau Lacroix war so freundlich, mich zu dir zu bringen. Mein Zauberstock kann mir zwar Hindernisse auf meinem Weg zeigen, die richtige Richtung sagt er mir dann aber doch nicht. Danke Ihnen, Frau Lacroix, das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Passen Sie das nächste Mal etwa besser auf, Herr Walden, auf Wiedersehen.“, sagte Jessica Lacroix und war schon wieder verschwunden.

„Uff, das war knapp“, flüsterte Annika und umarmte Lennard.

„Lass uns schnell zu Sabine fahren, sie haben ihre Einsatzzentrale in der Polizeiwache im nächsten Dorf eingerichtet. Ich will bei der Vernehmung dabei sein.“

Benno von Freimann saß schon im Verhörraum, als Lennard dazukam. Annika hatte ihn am Kommissariat abgesetzt und war nach Hause gefahren. Benno setzte die Kopfhörer auf. Das Verhör wurde aufgezeichnet und die Kollegen saßen um einen Monitor und folgten dem Verlauf. Lennard konnte von Freimann zwar nicht sehen, merkte aber sofort, dass nicht mehr viel von dem stolzen, etwas überheblichen Mann übrig geblieben war. Die Beweislage schien ihm seine ausweglose Situation sehr deutlich zu machen.

„Ja, ich gebe zu, dass ich ihn geschlagen habe, diesen Scheißkerl! Aber ich habe ihn nicht getötet! Ich wäre schön blöd, mein bestes Pferd im Stall zu gefährden. Um ihn tut es mir nicht mal leid! Er hat mich erpresst. Von wegen Recherche. Als er dahinter kam, dass er mit dieser Sache viel Geld verdienen kann, wollte er einen Anteil für sein Schweigen. Erst 10.000, dann 50.000 Euro. Aber er konnte nicht genug bekommen!“

Zwei Stunden später saßen Sabine und Lennard zusammen und tranken einen Kaffee. Sie hatten endlich Zeit, sich auszutauschen. Sabine brachte Lennard auf den aktuellen Stand. Bei den Nachforschungen in der Wohnung des toten Journalisten hatten sie seine Rechercheunterlagen durch puren Zufall auf einem USB-Stick gefunden. Jonny Zweiger war bei seiner Recherche für eine Reportage über Dressurpferde auf kriminelle Machenschaften in großem Stil gestoßen. Den Stick hatte er unter einem alten Wäschekorb auf dem Dachboden versteckt. Der Journalist hatte Unglaubliches zutage gebracht, die Kollegen von Europol waren noch dabei, alle Zusammenhänge zu prüfen.

„Benno von Freimann hat bei seinen Pferdeauktionen immer peinlich darauf geachtet, dass alles rechtens zuging, denn damit stand er im Mittelpunkt der Öffentlichkeit“, erklärte Sabine. Doch er hatte ein zweites Standbein. Er war mit einer mit einem geschlossenen Kreis von Händlern in Betrügereien in hohem Maße verwickelt. Die Betrügereien liefen fast immer nach dem gleichen Schema ab: Ein Händler aus dem europäischen Ausland verkaufte von Freimann ein scheinbar sehr teures Dressurpferd – steuerfrei, denn der innereuropäische Handel soll nicht besteuert werden. Von Freimann verkaufte es weiter und hätte nun eigentlich 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen müssen. Er zahlte sie aber nicht, sondern reichte das Pferd wie in einem Karussell unter gut verschleierten Firmen so lange weiter, bis sich die Spur verlor. Zum Schluss exportierte er das Pferd wieder ins Ausland und holte sich vom deutschen Fiskus die nie gezahlte Steuer zurück. Das heißt, zunächst wurde ein ganz normales Pferd als besonderes Dressurpferd ausgegeben. Welcher Finanzbeamte kennt sich schon so aus, dass er einen Gaul von einem teuren Elitepferd unterscheiden kann? Das Pferd, dass eigentlich 10.000 Euro kostet wird für 300.000 Euro verkauft und von Freimann kassierte vom Staat zum Schluss 57.000 Euro Mehrwertsteuer.

„Wow, das ist ziemlich clever!“ Lennard pfiff durch die Zähne. Er hatte Mühe, diesen komplizierten Verflechtungen der Betrüger zu folgen. „Das war für ihn sicherlich einen Mord wert, es sind schon Menschen für sehr viel weniger Geld umgebracht worden“.

„Du hast Recht, sagte Sabine. „Von Freimann hat auch gestanden, dass er und seine Kumpanen Jonny in einen Hinterhalt gelockt, ihn eingesperrt, an einen Stuhl gefesselt und gefoltert haben.“ Sabine schwieg für einen Moment, in Gedanken versunken. „Die Sache hat nur einen Haken“, fuhr sie fort. „Er behauptet steif und fest, Jonny habe noch gelebt, als sie ihn wieder freigelassen haben. Sie wollten ihm einen gehörigen Denkzettel verpassen, hätten ihn sogar an ihren Geschäften beteiligt, wollten ihm jedoch nur klar machen, dass sie viele seien und einer von ihnen ihn garantiert finden würde, sollte er mit seinem Wissen zur Polizei gehen.

Sie hätten ihn auf einem Weg im Wald aus dem Wagen geworfen, er sei zwar bewusstlos gewesen, doch habe er noch gelebt. Wie er dann in die Box von Flèche gekommen sei, wisse er nicht.“

Und? glaubst du ihm? Fragte Lennard.

Ich weiß nicht. Einerseits schon, andererseits will er vielleicht auch nur seine Haut retten. Denn Betrug und Körperverletzung ist eine Sache, Mord eine andere.

Lennard erzählte Sabine, was er auf dem Gestüt in Erfahrung bringen konnte und wie seltsam sich Jessica Lacroix verhalten hatte. Er versprach, am nächsten Tag wieder dort vorbeizugehen und noch einmal mit dem jungen Pferdepfleger zu unterhalten.

Doch dazu kam es nicht. Noch in der Nacht klingelte Sabine Lennard aus dem Bett. „Ich hole dich ab, wir müssen zum Gutshof, dein Freund der Pferdepfleger ist tot. Er lag im Stall, erschlagen, vermutlich mit einem Schmiedehammer.“

Zwanzig Minuten später kamen sie am Gutshof an. Dieses Mal hatte Lennard Steve dabei, erstens war ihm so früh am Morgen nicht danach, sich selbst mit einem Blindestock zurechtzufinden und zweitens galt das Hundeverbot ja nur für die Zeit der Auktion. Sabine machte sich sofort auf den Weg zum Pferdestall. „Ich gehe mal ins Haus, ihr braucht mich ja im Stall nicht,“, sagte Lennard. „Komm Steve, bring mich zum Eingang“.

Im Haus war eine junge Frau, sie saß auf dem Küchentisch und weinte. Sie war Pferdepflegerin und hieß Laura. Sie hatte Mircos Leiche gefunden. Sie war außer sich und fing immer wieder an zu weinen. „Mirco lag da, mitten im Stall“, schluchzte sie „und alles war voller Blut. Ich habe noch nie so viel Blut gesehen! Warum nur, warum Mirco? Was ist hier los? Erst der Journalist, dann Mirco“, das kann doch alles gar nicht sein!

„Wo ist Frau Lacroix?“, fragte Lennard.

„Nicht da.“, die junge Frau schluchzte unaufhörlich, aus ihr war kaum etwas herauszubekommen. Sie ist vorgestern weggefahren, wollte zwei Tage in der Stadt bleiben, sie haben dort noch ein Appartement. Ich habe sie auf dem Handy erreicht, sie sagte, sie wolle gleich kommen.“

In diesem Augenblick knirschten auch schon Reifen auf dem Schotter neben dem Haus. Ein Wagen bremste und Lennard hörte eine Tür zuknallen. Mit schnellen Schritten kam eine Frau die Eingangstreppe hinauf. Lennard hörte das Klappern von Pumps auf dem Steinfußboden. Dann kam Jessica Lacroix in die Küche.

„Was ist hier los, Laura?“, schoss sie sofort los, ohne Gruß. „Was machen Sie hier Herr Walden?“ Sie wirkte hysterisch. Lennard stand auf, klärte sie auf, dass er zur Kriminalpolizei gehöre und hielt ihr die Hand hin. Jessica stockte, fasste sich aber schnell und ging nach einigen Sekunden auf ihn zu. Er spürte ihre Hand in seiner, sie hatte kalte Hände, aber einen festen Händedruck. Lennard roch ihr teures Parfüm, es verbreitete einen angenehmen Geruch. Und da war noch etwas. Er kannte diesen Geruch.

Lennard war verwirrt. „Haben Sie ihn nicht gesehen, er liegt im Stall. Er ist erschlagen worden. Kommen Sie nicht gerade von dort?“

Jessica Lacroix ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen. „Was?“ Pause. Nach ein paar Sekunden: „Nein, ich komme direkt aus der Stadt. Ich war gestern zum Essen eingeladen und bin danach sofort ins Bett.“

Sie hatte ihre Fassung wiedererlangt, ihre Stimme klang wieder normal. Und doch spürte Lennard, dass sie vor ihm auf den Hut war. Ihre Antwort wirkte wie einstudiert. Zudem etwas voreilig, denn Lennard hatte gar nicht gefragt, wo sie am Abend gewesen sei.

In diesem Augenblick kam Sabine in die Küche. Sie begrüßte Jessica Lacroix und stellte ihr und Laura ein paar Fragen.

Lennard stand auf und ging nach draußen. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Situation. Er musste seine Gedanken ordnen, das gelang ihm immer am besten beim Gehen. „Los Steve, wir machen einen Spaziergang“, sagte er zu seinem Labrador und die beiden machten sich auf den Weg. Fünf Minuten später wusste er, was ihn irritiert hatte. Es war der Geruch, der nicht stimmte. Jennifer Lacroix roch nach ihrem edelen Parfüm und nach Pferdestall! Dieser Geruch verschwindet nicht so einfach aus den Haaren, auch nicht, wenn man sich umzieht. Sie musste im Stall gewesen sein! Doch sie hatte gesagt, dass sie seit zwei Tagen in der Stadt gewesen sei. Das war es!

Schnell ging er wieder ins Haus. „Kann ich dich kurz sprechen, Sabine, sagte er, als er in der Küche angekommen war. Sabine stand auf und folgte Lennard in den Flur. „Nehmt sie mit und verhört sie, flüsterte er Sabine zu. Sie lügt. Sie sagt, sie sei zwei Tage in der Stadt gewesen, aber das stimmt nicht. Eine so elegante Frau fährt nicht in die Stadt, ohne sich die Haare zu waschen. Ihre Haare riechen nach Stall, da bin ich mir ganz sicher.“

„Frau Lacroix, wir müssen Sie mitnehmen“, sagte Sabine, als sie wieder in die Küche kamen. „Sie haben uns nicht die Wahrheit gesagt. Sie waren nicht zwei Tage lang in der Stadt.“

In diesem Augenblick brannten bei Jessica Lacroix die Sicherungen durch. Sie griff nach einem Messer, das auf dem Küchentisch lag. Im gleichen Augenblick schnappte sie sich Laura und hielt ihr das Messer an den Hals. „Wenn Sie mich nicht sofort gehen lassen, steche ich zu!“, kreischte sie. „Sie wäre nicht die Erste!“

Die Geiselnahme dauerte zwanzig Minuten, dann gab Jessica Lacroix auf. Laura erlitt einen Schock und wurde ins Krankenhaus gefahren, Jessica kam sofort mit in die Einsatzzentrale der Kriminalpolizei. Und sie redete wie ein Wasserfall. Sie sei Jonnys Geliebte gewesen, aber sie habe nicht gewusst, dass er Journalist gewesen sei. Er habe sich nur an sie herangemacht, um über sie an Informationen zu kommen. Aber niemand hintergehe eine Lacroix, niemand. Sie habe Jonnys falsches Spiel erst in der Nacht entdeckt, als ihr Mann, Benno von Freimann ihr davon berichtet habe.

Das ganze Einsatzteam war um den Monitor versammelt, auf dem das Verhör übertragen wurde. Und alle staunten nicht schlecht, was sie hörten. „Benno kam in der Nacht nach Hause und sagte, dass sie Jonny einen Denkzettel verpasst hätten. Sie hätten ihn ein wenig in die Mangel genommen, er würde nun sicherlich nichts mehr ausplaudern. Ich war außer mir vor Wut. Dieses Schwein! Ja, es war schön mit ihm und ich war vielleicht ein wenig verliebt, aber ich lasse mir doch nicht meine Zukunft durch diesen Schwachkopf versauen! Was glaubt der denn, wer er ist? Unser Pferdehandel lief so gut, wir hätten noch ein Jahr so weitergemacht und dann wären wir so reich gewesen, dass wir getrost hätten aufhören können. Wir wollten danach viel reisen und das Leben genießen. Niemand wäre uns auf die Schliche gekommen, wenn dieser Mistkerl uns nicht dazwischengefunkt hätte!“ Jessicas Stimme war wutverzerrt. „Als dann mein Handy klingelte, war Jonny dran. Er war sehr schwach. Er sagte mir, wo er sei, und bat mich, ihm zu helfen. Benno hatte schon ein paar Whisky gekippt und war sofort ins Bett gegangen. Ich hörte ihn oben schlafen. Ich verließ also das Haus und führ zu Jonny. Ich tat so, als wisse ich von nichts und spielte die besorgte Geliebte. Ich brachte ihn in den Stall, aber dort brach er zusammen. Die hatten ihn ziemlich malträtiert. Als er wieder zu sich kam, schleppte ich ihn in eine der Boxen. Ich könnte jetzt noch heulen! Die arme Flèche! Aber ihre Box war die nächste und Jonny war so schwer! Ich schleifte ihn dorthin und band ihn neben der Tür fest. Ich ging raus und schloss die Stalltür. Flèche war bereits jetzt nervös, sie trat hin und her, wieherte leise und sah vollkommen verstört aus. Ich wusste, dass Flèche schreckliche Angst vor Krach hat. Ich habe immer einen kleinen Handtaschenalarm bei mir, den habe ich Flèche ans Ohr gehalten und bin dann raus aus dem Stall. Ich wusste, dass Flèche wild werden würde. Zehn Minuten später bin ich zurück und habe Jonny, die Fesseln abgenommen. Alles wäre gut gegangen, wenn dann nicht zufällig Mirco aufgetaucht wäre. Er wollte nach einer Stute sehen, die ihr Fohlen bekommen sollte. Ich konnte ihn zuerst besänftigen und ihn mit viel Geld locken, doch das ging nur zwei Tage lang gut. Was sollte ich denn tun? Ich konnte doch gar nicht anders, ich musste handeln!“

„Nach ihrer Vorstellung konnte sie gar nicht anders“, sagte Annika am nächsten Tag. Die beiden saßen in Lennards Lieblingscafé. „Ihre Gedanken haben sich um nichts anderes mehr gedreht, als nur noch mehr Geld zu machen. Und später dann darum, wie sie ihren Reichtum halten kann. Ihre Gier hat sie ruiniert.“ „Du solltest umsatteln und Polizeipsychologin werden, vergiss deine Arbeit als Biologin“, scherzte Lennard und erntete einen Seitenhieb von Annika. Er grinste und freute sich darauf, dass er nun endlich ungestört einen Tag mit ihr verbringen konnte.

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