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Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Stilles Wasser

Hat Lennard Walden es in seinem neuen Fall wirklich mit einem Serienmörder zu tun? Drei Männer kommen innerhalb kurzer Zeit auf die gleiche grausame Weise ums Leben. Kann er dem Täter schnell auf die Spur kommen und weitere Morde verhindern? 

Ein Krimi von Renate Gervink.

Lennard Walden lief langsam die Brücke über den Stausee entlang. Er überquerte die Staumauer schon zum dritten Mal. Ihm war mulmig zumute, obwohl er den tiefen Abgrund, der sich vor ihm auftat, gar nicht sehen konnte. Der See lag mitten im Wald. Es war einsam hier. Schon wieder ein Fall mitten auf dem Land. Nur unwillig hatte er Hauptkommissarin Sabine Franck das Versprechen gegeben, sie zu bei diesem Fall zu unterstützen. Oder besser gesagt, diesen Fällen. Innerhalb kurzer Zeit waren drei Männer auf die gleiche grausame Weise ums Leben gekommen.

Lennard war tief in Gedanken versunken. Er wollte gerade auf die andere Brückenseite wechseln, als er einen kurzen Aufschrei und das Quietschen einer Fahrradbremse hörte. „Haben Sie keine Augen im Kopf? Das gibt’s doch gar nicht, sind Sie lebensmüde?“, hörte er eine Frauenstimme. Da war die Radfahrerin auch schon wieder verschwunden. Er konnte sie noch von Weitem fluchen hören. „Nette Stimme“, dachte er, als er sich von dem Schrecken erholt hatte.

„Alles in Ordnung?“, hörte er von der anderen Seite der Brücke Sabine rufen. Sie hatte im Auto auf Lennard gewartet und den Beinaheunfall von Weitem beobachtet. „Ja, alles bestens“, rief er zurück und machte sich auf den Weg. Mit der linken Hand hielt er sich am Brückengeländer fest, in der rechten hielt er seinen Stock. Der Stock war ihm mit den Jahren seiner Blindheit zu einem ständigen Begleiter geworden. Nun waren schon neun Jahre vergangen, seit dem Einsatz, bei dem so ziemlich alles schiefgelaufen war. Bei dem er sein Augenlicht verloren hatte. Er dachte nur noch selten daran. Nur dann, wenn er mit seinen anderen Sinnen nicht weiterkam. So wie heute. Zu gerne hätte er die Frau, der diese erotische Stimme gehörte, gesehen.

„Wie sah die Frau aus, die mich fast umgefahren hätte?“, war das erste, was er Sabine fragte, als er das Auto erreichte. Die lachte. „Genau dein Typ, dunkle kurze Haare und Brille. Du würdest sie hübsch finden.“ Vor Lennards Unfall hatten sie jahrelang zusammen in der Mordkommission gearbeitet und Sabine kannte so ziemlich alle seine Vorlieben. Was er gerne aß, welche Musik er hörte, was ihn wütend machte. Und natürlich, welchen Frauen er hinterherschaute. Lennard lachte. „Komm, lass uns essen gehen, ich lade dich ein.“

Sabine und ihr Mann waren es gewesen, die ihn nach dem Unfall aus seiner Lethargie geholt hatten. Sie waren täglich vorbeigekommen, hatten eine Reha-Maßnahme organisiert und hatten nicht locker gelassen, bis er wieder angefangen hatte zu leben. Sabine war es auch, die auf seine besonderen Fähigkeiten außerhalb des Augenscheinlichen aufmerksam wurde. „Lennard sieht manchmal mehr als alle Augen unseres Teams zusammen“, sagte sie. Er erinnerte sich noch genau an den Augenblick, als sie vor seiner Tür stand und ihn fragte, ob er für ihr Team als Berater tätig sein wollte. Zunächst hatte er gelacht, er fand ihre Idee vollkommen absurd. Doch dann hatte er Gefallen daran gefunden und zugestimmt. Seither hatten sie gemeinsam ein paar kniffelige Fälle gelöst – der letzte Fall in einem kleinen Eifeldorf war erst ein paar Monate her.

Und nun hatte es ihn schon wieder in diese Gegend verschlagen. Lennard mochte das Land nicht besonders. Es war so unberechenbar. In der Stadt war alles geregelt, die Straßen hatten Bordsteine, die Ampeln waren mit akustischen Signalen ausgestattet, Supermärkte, Cafés und Restaurants waren in unmittelbarer Nähe und er hatte einen Pizzaservice seines Vertrauens gefunden. Hier auf dem Land gab es so profane Dinge wie Bordsteine, Fahrradwege und Pizzaservice nicht. Hier war er auf fremde Hilfe angewiesen. Er hasste das.

„Lennard …!“ Sabine riss ihn aus seinen Gedanken. Sie saßen in einem kleinen Restaurant nicht weit vom Stausee und warteten auf den Nachtisch. Sofort war seine Aufmerksamkeit zurück. Drei Tote innerhalb von vier Monaten. Die Todesursache war immer die gleiche. Tödlicher Genickbruch beim Sturz auf eine Staumauer. Von genau der Brücke, auf der Lennard vorhin auf und abgegangen war. Beim ersten Toten ging die örtliche Polizei noch von Selbstmord aus, denn es ließ sich nicht die geringste Spur eines Kampfes erkennen. Beim zweiten Toten, nur drei Wochen später, begannen die Ermittler an einem Selbstmord zu zweifeln, doch wieder fehlte jede Spur. Aber jetzt, beim dritten Opfer, bestand kein Zweifel mehr: So viele Selbstmorde in so kurzer Zeit waren nicht möglich, selbst für eine so finstere Gegend wie diese hier.

"Der letzte Mann war besonders übel zugerichtet", sagte Sabine. „Wasserleichen sehen nie schön aus, aber diese ließ selbst mir das Blut in den Adern gefrieren. Er musste beim Fallen noch mehrmals auf die schräg ablaufende Staumauer geknallt sein.“ Ihre Stimme klang belegt. "Der Kopf war blutunterlaufen und sah aus, als gehöre er gar nicht zum Körper. Die Halswirbelsäule war glatt durchbrochen.“

Lennard schauderte es bei der Vorstellung. „Haben die drei Gemeinsamkeiten? Hobbies, Job, Frauen, Freunde – gibt es etwas, das sie verbindet?“, fragte er. „Alle drei Opfer wurden an einem Montag getötet, aber das ist auch schon alles.“ Sabines Stimme klang resigniert. „Sie kommen alle aus einem Umkreis von 60 Kilometern, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, Singles, keine Kinder. Der eine war Autoverkäufer, der zweite Steuerberater, dieser jetzt arbeitete bei einer Bank. Keiner von ihnen führte ein auf irgendeine Weise außergewöhnliches Leben. Zumindest ist den Familien und Nachbarn nichts aufgefallen. Die drei verbindet absolut nichts.“ Sabine stockte. „Doch!“, sie wurde ganz unruhig. „Da war doch eine Gemeinsamkeit. Jetzt, wo ich mit dir darüber spreche! Sie sind alle drei an den Wochenenden nach Köln gefahren, so haben es die Eltern und Freunde erzählt. Dass ich nicht früher darauf gekommen bin!“ Lennard griff ihren Arm. „Nun schimpf nicht mit dir, es ist ja nicht zu spät. Kannst du herausfinden lassen, was sie in Köln getan haben, ob sie eine bestimmte Kneipe oder Bar aufgesucht haben? Und kannst du mich noch einmal zum Stausee fahren?“ Er wollte die Brücke noch einmal untersuchen, sein erster Eindruck war durch den Fast-Unfall wie ausgelöscht. Und insgeheim hoffte er, die Frau mit der schönen Stimme wieder zu treffen.

Er stand vor der Brücke, seine Hand umfasste das Geländer. Irgendetwas war ihm beim ersten Mal aufgefallen, er wusste nur nicht mehr, was es war. Er versuchte sich zu erinnern. Er hatte etwas gespürt, kurz bevor er die Brückenseite wechseln wollte und die Frau ihn fast über den Haufen gefahren hatte. Wo war das gewesen? Danach war er auf der anderen Seite zum Auto gelaufen. Es musste also kurz vor Ende der Brücke auf der linken Seite gewesen sein. Er ging los. Das Geländer war schön glatt. Keine Unebenheiten, keine Risse. Sabine hatte ihm erzählt, dass die Brücke frisch restauriert worden war. Auch das Geländer war neu. Der Lack fühlte sich glatt und angenehm an. Er strich Schritt für Schritt über die Oberfläche. Gefühlt müsste er nun fast am Ende der Brücke angekommen sein. Da war die Stelle! Lennards Hand spürte eine Unebenheit, es war wie eine scharfe Kante. Seine Hand glitt am Geländer entlang nach unten. Auch hier das gleiche, der sonst so glatte Lack war aufgeplatzt. Weiter unten konnte er eine Schraube fühlen. Sie hatte definitiv Gebrauchsspuren. Er rüttelte am Gitter. Nichts bewegte sich. Er ging ein paar Schritte zurück, um zu einer anderen Schraube zu gelangen. Hier gab es keine Unebenheiten, alles war glatt.

Als Sabine ihn abholte, führte er sie zu der Stelle. "Was siehts du?“, fragte er sie. „Ich sehe eine Kante. Zwei Gitterteile gehen ineinander über. Der Lack an der Kante ist ein wenig abgeblättert.“ „Siehst du die Schrauben?“ „Ja, sie haben ein paar Kratzer.“ „Vergleiche sie mit den anderen Schrauben ein paar Meter weiter.“ „Du hast Recht, Lennard. Hier hat sich jemand zu Schaffen gemacht. Man braucht gutes Werkzeug dafür, aber ich glaube, es ist möglich, diese Schrauben zu lösen und so das Gitter zu lockern.“ Der erste konkrete Hinweis! Endlich konnten sie sich einer bestimmten Richtung zuwenden, anstatt die ganze Zeit im Trüben zu fischen. Jemand hatte die Schrauben an dem Gitter der Staubrücke manipuliert. Vielleicht der Täter oder die Täterin.

Lennard und Sabine hatten sich in einem Hotel in der nächstgelegenen Stadt einquartiert. Die Zimmer waren in Ordnung und zum Glück funktionierte das Internet. So hatte er genügend Zeit, um sein neues Notebook auszuprobieren. Er hatte es vor ein paar Tagen gekauft und wollte sich nun mit der neuen Software vertraut machen. Damit konnte er endlich ganze Webseiten im Internet in ihrer Struktur ertasten. Wie hatte er früher geflucht, wenn er sich mit seinem alten Laptop durch einen Text von oben bis unten quälen musste, bis er endlich zu der von ihm gesuchten Information kam! Er hatte den Laptop gerade hochgefahren, als es an seiner Tür klopfte. Es war Sabine. „Mir geht da ein Gedanke nicht aus dem Kopf“, sagte sie. „Wir haben uns bislang noch gar nicht darum gekümmert, dass die Männer alle in der Sonntagnacht ertranken und montags morgens gefunden wurden. Dabei ist das doch sicherlich kein Zufall.“ Lennard öffnete für beide eine Flasche Bier aus der Minibar. „Du hast recht“, sagte er. „Was könnte das bedeuten: Der Mörder ist nur montags in der Gegend. Er hat montags frei. Er ist einer, der montags gerne krank feiert.“ „Gehen wir einmal davon aus, dass der Mörder montags frei hat.“ „Oder die Mörderin“, sagte Sabine. „Seit Jahr und Tag haben Friseursalons montags geschlossen. Eine alte Gewohnheit, die noch aus Zeiten stammt, in der es keine Haartrockner gab. Früher war es völlig normal, dass man einmal die Woche zum Friseur ging. Vor allem am Samstag war die Nachfrage in den Salons sehr groß, denn jede Frau, und auch viele Männer, wollten zum sonntäglichen Kirchgang adrett aussehen. Montags wurden dann die Handtücher gewaschen und der Salon auf Vordermann gebracht. Diese Regel wird bis heute eingehalten, heute allerdings eher unter dem Aspekt der Fünf-Tage-Woche für Angestellte. In der Stadt ist diese Sitte mittlerweile schon so verkommen, dass die großen Friseurketten sich nicht mehr an dieses ungeschriebene Gesetz halten und montags öffnen. Aber hier auf dem Land gibt es sicherlich keinen einzigen Friseursalon, der montags geöffnet hat. Lass uns die Friseure abklappern, es ist einen Versuch wert. Viele wird es wohl nicht geben. So können wir gleich das Nützliche mit dem Schönen verbinden, ich könnte mal wieder einen ordentlichen Haarschnitt gebrauchen.“ Lennard nahm seinen Laptop und gab den Ort und das Stichwort Friseursalon in die Suchmaschine ein. Drei Treffer im Umkreis von zehn Kilometern. Morgen würden sie dort vorbeifahren.

Früh am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg. Salon Nummer eins war ein ziemlich großer Laden mit drei Angestellten und der Chefin. Sabine war als Erste dran. Sie ließ sich neue Strähnchen machen – Zeit genug, um mit allen Mitarbeiterinnen ins Gespräch zu kommen. Als sie nach zwei Stunden wieder hinauskamen, hatte Sabine eine neue Frisur – aber das war auch alles. Keinem von den beiden war etwas Besonderes aufgefallen, weder sichtbar noch unsichtbar. Also war nun Lennard an der Reihe. Sie betraten den zweiten Laden, der bereits ziemlich voll war. Aber einen Männerschnitt würden sie wohl noch dazwischen bekommen, sagte die freundliche junge Frau am Empfang. Lennard und Sabine setzten sich in den Wartebereich. Eine nette Atmosphäre hier, dachte Lennard, leise Musik kam aus dem Radio und an allen Plätzen unterhielten sich die Friseurinnen mit den Kundinnen. Sie sprachen über das Schulfest vom Wochenende, von einem guten Restaurant, das neu eröffnet hatte oder von den ach so widerspenstigen Haaren. Er war der einzige Mann, fiel ihm auf.

Die Türklingel ertönte und jemand betrat mit schnellen Schritten den Raum. „Ich bin wieder da“, sagte eine Frau und Lennard traute seinen Ohren nicht. Es war die Frau mit der schönen Stimme, er hatte sie gleich wiedererkannt. Schon stand sie direkt vor ihm. „Mein Name ist Yvonne, ich schneide Ihnen heute die Haare. Kommen Sie einfach mit mir.“, sagte sie freundlich. Lennard ging auf sie zu und ließ sich von ihr zum Stuhl führen. Durch das Warten hatte er hören können, wo sich die Stühle befanden, er konnte die Geräusche, auch wenn es viele waren, mittlerweile sehr gut verorten. Er hörte, wenn jemand sprach, wie weit er entfernt war oder wo sich eine Wand befand. Als er sich setzt, hatte die Friseurin immer noch nicht bemerkt, dass er blind war. „Wir kennen uns,“ sagte er lächelnd in die Richtung der jungen Frau. Er schätzte sie auf Anfang Dreißig. „Sie hätten mich gestern fast umgefahren. „Sie waren das?“, Yvonne war merklich erstaunt. „Ja, nun erkenne ich Sie auch wieder. Allerdings hätte nicht ich sie fast umgefahren, Sie sind mir ohne Vorwarnung ins Fahrrad gelaufen. Das war ganz schön knapp!.“ "Es tut mir leid", sagte Lennard schnell. „Ich war so in Gedanken, dass ich sie nicht gesehen habe. Quatsch 'gesehen'", feixte er. "Kann ich ja gar nicht. Also, ich habe nicht auf sie geachtet.“ Er merkte, wie die Frau stutzte und ihn anstarrte, bevor es ihr auffiel. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. „Sie haben Humor“, kicherte sie. „Und Sie eine schöne Stimme. Zum Rest kann ich leider nichts sagen“, gab er zur Antwort. „Ich habe Sie vorher noch nie hier gesehen, Sie sind nicht von hier, stimmt's?“ „Stimmt“, erwiderte Lennard, „ich komme aus Köln und bin mit meiner alten Freundin Sabine hier, um für ein paar Tage auszuspannen. Sie werden lachen, auch Blinde lieben das Wandern. Es gibt ja auch genug zu hören im Wald.“ Lennard konnte Sabines innerliches Grinsen fast in seinem Rücken spüren. Er plauderte weiter mit Yvonne. Sie war 34 Jahre alt, Single und mit Leib und Seele Friseurin. Ihr gehörte der Laden und auch ein weiterer im nächsten Ort. Sie liebte ihre Heimat, fuhr aber regelmäßig nach Köln, um keine modischen Trends zu verpassen und sich zu amüsieren, ohne dass es am nächsten Tag gleich das ganze Dorf wusste.

Als Lennard und Sabine den Salon verließen, war eine weitere Stunde vergangen. Lennard hatte ein komisches Gefühl. Er hatte sich gut mit Yvonne unterhalten, ihre Stimme fand er nach wie vor bombastisch und doch irritierte ihn irgendetwas an ihr. Bei bestimmten Themen bekam sie einen etwas aggressiven Unterton. Aber er konnte es nicht richtig in Worte fassen. Sabines Telefon klingelte. Es war Christian Buchner, Sabines Kollege. Sie hatten die Angehörigen der Toten befragt. Alle waren, wenn sie in Köln waren, regelmäßig in ein bekanntes Brauhaus gegangen. Lennard kannte den Laden. Er war gar nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Es war immer brechend voll dort, laut und sehr lustig. Hier wurde jeder gleich geduzt und niemand blieb lange alleine. Er war selbst schon ein paar Mal dort gewesen und war jedes Mal etwas beschwipst und gut gelaunt danach wieder nach Hause gegangen.

Er würde in den nächsten Tagen dort hingehen. Lennard war ein Experte darin geworden, bestimmte Orte aufzusuchen, die Atmosphäre wahrzunehmen und zu warten, was sich ergäbe. Geduld war eine Eigenschaft, die er überhaupt nicht besessen hatte, als er noch sehen konnte. Doch nach seinem Unfall hatte er schnell gelernt, dass er ohne Geduld nicht weiterkam. Und so hatte er seine Geduld systematisch trainiert. Hier vor Ort könnte er vorerst sowieso nichts mehr machen, er müsste erst zurückkommen, wenn sich ihre Spur als unbrauchbar erweisen würde. Solange konnte er nach Hause, zurück in seine gewohnte Umgebung. Er war froh. Sabine brachte ihn zum Bahnhof.

Die nächsten drei Tage verbrachte er viel Zeit im Brauhaus. Es machte ihm nichts aus, denn sie hatten dort eine abwechslungsreiche Speisekarte. Das Brauhaus war einer der wenigen Gastronomiebetriebe, in denen man noch typische regionale Küche bekommen konnte: „Himmel un ääd“, die Kölner Version von Blutwurst mit Kartoffelpüree und Röstzwiebeln oder Rheinischen Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl. Lennard liebte diese deftige Küche. Er setzte sich immer an die Theke direkt am Eingang, so gingen alle Gäste, die das Brauhaus betraten, an ihm vorbei und er konnte sich einen Eindruck machen. Zwei Tage lang passierte nichts. Die Leute kamen und gingen, aßen und tranken, lachten viel und stritten sich manchmal und der eine oder andere Betrunkene wurde von der Bedienung vor die Tür begleitet. Dann am dritten Tag, es war Sonntag und er hatte gerade gegessen und trank nun einen Kaffee, hörte er die ihm bekannte Stimme. „Nanu, was machen Sie hier, Sie habe ich ja noch nie hier gesehen. Welch ein Zufall!“

Lennard war enttäuscht. Er hatte zwar erwartet, dass die junge Frau dort auftauchen würde, aber insgeheim hatte er gehofft, dass er sich diesmal irren würde. Sie stand dicht vor ihm und er konnte ihren dezenten Duft riechen. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ „Yvonne, was für eine Überraschung. Was machen Sie denn hier? Ja, sicher, ich freue mich, setzen Sie sich. Was möchten Sie trinken?“ Die Friseurin nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz. „Ich nehme gerne ein Kölsch“, sagte sie. „Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Was machen Sie hier? Kommen Sie öfter hierher?“ Lennard spürte, dass sich etwas in Yvonnes Stimme verändert hatte. Sie hatte einen kalten Unterton. Er strich sich durch die Haare, wie um seine Gedanken fortzuwischen. Es konnte ja auch alles noch purer Zufall sein. „Ich wohne nicht weit von hier und komme öfter her", sagte er. "Mir gefallen die Atmosphäre und das Essen. Und Sie, was verschlägt Sie hierher?“ „Ach wissen Sie, auf dem Land gibt es nicht so viele Möglichkeiten, sich zu amüsieren. Ich kenne keine Kneipe, die so ist wie diese. Ich komme gerne hierher. Die Leute sind nett, die Stimmung klasse und immer lernt man jemanden Neues kennen.“ Sie unterbrach sich. Wahrscheinlich, weil sie überlegen musste, was sie sagte, ohne dass sie sich verriet.

Die beiden blieben ein paar Stunden zusammen, tranken und unterhielten sich. Zwischendurch kam es Lennard so vor, als seien sie lediglich zwei Menschen, die sich zufällig kennengelernt hatten und sich sehr anziehend fanden. Doch immer wieder schreckten ihn Anmerkungen seiner Nachbarin innerlich auf. Immer dann, wenn sie von Männern sprach, bekam ihre Stimme einen harten Klang. Vielleicht war er auch nur voreingenommen und bildete sich das nur ein, doch wenn sich dann ihre Stimme wieder änderte, wusste er genau, dass er sich nicht irrte. „Verdammt!“, dachte er. „Ich bin selten von einer Frau beeindruckt. Warum muss es gerade jetzt die falsche sein?“ Er war wütend. Auf sich, auf seine Blindheit, auf sie. Eigentlich auf die ganze Welt.

Gegen halb elf Uhr wurde sie unruhig. Er merkte, dass sie etwas sagen wollte, irgendetwas sie aber zurückhielt. Endlich rückte sie mit der Sprache raus. „Ich muss so langsam nach Hause fahren“, sagte sie, ihren Mund dicht an seinem Ohr. „Meine Mutter wohnt bei mir. Sie ist krank und kann über Nacht nicht alleine bleiben.“ Sie machte eine kurze Pause. Dann flüsterte sie: „Ich mag dich und würde gerne die Nacht mit dir verbringen. Hast du Lust, mit mir zu kommen? Es sind nur 45 Minuten Fahrt. Morgen fahre ich dich dann zurück nach Hause.“ Sie war bis zum Äußersten gespannt, das spürte er. Ihm ging es genauso. In seinem Kopf ratterte es. Auf dieses direkte Angebot war er überhaupt nicht vorbereitet. Doch das war seine Chance. Sie könnte die Mörderin sein und wenn er jetzt nicht mitkäme, würden sie dies vielleicht niemals herausbekommen. Er hatte allerdings immer noch insgeheim gehofft, dass er sich irrte und somit auch Sabine nicht Bescheid gegeben. Er musste sie unbedingt erreichen! Alleine wäre es viel zu gefährlich, mit Yvonne zu fahren. Er wäre ihr komplett ausgeliefert. „Na das ist aber ein überraschendes Angebot“, sagte er. "Ich bin etwas überrumpelt, aber ich freue mich. Ich muss nur kurz telefonieren und einen Termin für morgen absagen.“ Er bahnte sich einen Weg durch die Menge zu den Toiletten. Dort angekommen, holte er sofort sein Handy aus der Tasche und wählte Sabines Nummer. Zum Glück war sie sofort am Telefon. Er erklärte ihr die Situation. Sabine war beunruhigt. „Mach es nicht, Lennard!“, sagte sie. „Selbst wenn wir in deiner Nähe sind: Wenn Yvonne wirklich die Mörderin ist, dann kennt sie keine Skrupel. Ich weiß nicht, ob wir dich dann genügend schützen können. Was ist, wenn sie etwas merkt?“ Lennard beruhigte Sabine. So eine Chance würden sie nie wieder bekommen. Außerdem sei er nur blind und nicht hilflos. „Ich weiß ja, dass es gefährlich sein kann, bin also vorbereitet. Das waren meine Vorgänger nicht“, beruhigte er Sabine. Seine Kollegin willigte schließlich ein. In zehn Minuten würde sie vor dem Brauhaus stehen und ihnen dann folgen. Lennard ging zurück zu seinem Tisch, an dem Yvonne auf ihn wartete. Er hätte ein Vermögen gegeben, in diesem Augenblick in ihre Augen sehen zu können. Doch ihre Stimme sagte alles. Sie hatte den warmen Klang verloren. Er konnte es nicht richtig benennen, sie klang irgendetwas zwischen kalt, enttäuscht und aufgeregt.

Auf der Fahrt plauderten sie über dies und das und zwischendurch legte Yvonne die Hand auf Lennards linkes Bein. Es war angenehm und unheimlich zugleich. Er hoffte immer noch, dass Yvonne ihn einfach nur abschleppen wollte, doch alle seine Sinne waren in Alarmbereitschaft. Yvonne war eine gute Autofahrerin. Sie fuhr zügig und ruhig. Wie gerne hätte er sich einfach zurückgelehnt und den Abend genossen! „Wir sind gleich da, Lennard“, sagte sie nach einer Weile. "Hast du noch Lust auf einen kurzen Spaziergang?“ „Gerne“, erwiderte er. Yvonne hielt und Lennard öffnete die Tür. Sofort spürte er, wo sie waren. Die Luft war feucht und er hörte das Wasser unter sich. Sie waren am Stausee. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Yvonne kam um den Wagen herum und drückte sich an ihn und küsste ihn. Sie schmeckte gut und er war versucht, den Kuss einfach nur zu genießen. Es gelang ihm aber nicht. Yvonnes Kuss wurde immer stürmischer und fordernder. Ihre Hand glitt über seinen Körper und er spürte die Erregung. So abrupt, wie sie angefangen hatte, so abrupt hörte sie auf. „Komm, wir gehen ein Stück spazieren.“ Sie legte ihren Arm um seine Hüften und strich über seinen Po. Lennard wusste ungefähr, in welcher Höhe die manipulierte Stelle am Geländer war. Er zählte die Schritte. Auf dieser Höhe musste es sein. Im gleichen Augenblick blieb Yvonne stehen und küsste ihn ein zweites Mal. Dieses Mal noch stürmischer. Sie spielte mit ihrer Zunge in seinem Mund und umarmte ihn fest. Sie drückte ihn gegen das Geländer. Lennard behielt die Hände frei und fühlte am Metall entlang. Eine Armlänge von ihnen entfernt war die Stelle, an der Lack abgesplittert war. Dieses Mal spürte er, dass das Geländer seinem Druck nachgab. Die Schrauben waren gelöst! Er spürte, wie die Panik in ihm aufstieg. Nun durfte er keinen Fehler machen! Hoffentlich waren Sabine und die Kollegen in der Nähe.

Plötzlich hörte Yvonne auf, ihn zu küssen. „Weißt du was?“, schrie sie wutentbrannt, „ich dachte, du seiest anders. Ich dachte, du bist blind und dadurch viel sensibler. Aber du bist genau wie alle anderen auch.“ Sie wurde lauter. „Habt ihr Scheißkerle denn gar keinen Respekt? Könnt ihr es eigentlich nie abwarten? Was soll das? Denkt ihr, ihr könntet Frauen nach ein paar Gläsern einfach so ins Bett kriegen? Geht es euch wirklich nur um den Sex? Das ist so widerlich!“ Wäre die Situation nicht lebensgefährlich für ihn gewesen, hätte Lennard fast losgelacht. Er schrie zurück: „Was soll denn das jetzt? Du warst doch so überraschend direkt. Du wolltest doch, dass ich mit dir komme,“ erwiderte er. „Ja, ich wollte dich testen. Ich fand dich sehr sympathisch und anziehend. Sehr sinnlich. Ich hatte gehofft, dass du Nein sagen würdest. Dass du dich lieber noch einmal mit mir verabreden würdest, bevor wir gleich im Bett landen würden. Ich hatte gedacht, dass dir an mir etwas liegen würde. Dass du nicht nur auf Sex aus wärst.“ Ihre Stimme war aggressiv und enttäuscht zugleich. Sie drückte ihre Hand gegen seine Brust und schob ihn so Zentimeter für Zentimeter an die Stelle, an der das Geländer gleich nachgeben würde. Er machte mit. Sie sollte nicht jetzt schon bemerken, dass er wusste, dass sie das Geländer manipuliert hatte. Doch kurz bevor das Geländer nachgab, stieß er sie von sich. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Zur gleichen Zeit hörte er Schritte und Sabines Stimme. „Polizei“, schrie sie. „Hören Sie auf Yvonne, wir wissen, dass Sie es waren, die die Männer getötet hat! Heben Sie die Hände und kommen Sie von der Brücke!“ Nach einer ersten Überraschung war Yvonne außer sich. Sie brüllte los und stürzte sich auf Lennard. Sie wollte ihn mit aller Kraft gegen das Geländer stoßen. Doch Lennard hatte ihre Reaktion geahnt. Er sprang zur Seite und bot damit keinen Widerstand mehr für die Wucht von Yvonnes Angriff. Sie hatte so viel Kraft aufgebracht, dass sie mit voller Wucht gegen das Geländer stieß, das sofort nachgab. Noch bevor die Polizisten auf ihrer Höhe waren und sie fassen konnten, stürzte sie mit einem gellenden Aufschrei von der Brücke. Danach hörte Lennard nichts mehr. Es war totenstill. Bis Sirenen die Stille durchbrachen.

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