Der Gesetzgeber hat rechtliche Möglichkeiten geschaffen, damit Menschen mit Seheinschränkungen wieder zurück in die Arbeit finden. Berufliche Reha hilft weiter!

Die Initiative "VISIO-N" bietet Betroffenen Infos, Tipps und Hilfe rund um das Thema Umschulung und berufliche Rehabilitation.

Ein Parfümzerstäuber versprüht Parfüm.

Woher der Wind weht

Der blinde Ermittler Lennard Walden muss wieder seine Stadt verlassen, um die Mordkommission bei einem ungeklärten Mordfall in der Eifel zu unterstützen. Auf einem abgelegenen Hof haben Wanderer drei Tote entdeckt. Bis auf die Gewehrkugeln fehlt jede Spur.Kann Lennard Walden diesen Fall lösen?

Ein Krimi von Renate Gervink.

„Da seid ihr ja. Für dich einen Kaffee und für Steve ein Wasser?“ Lennards Lieblingswirtin Nicola hielt ihm den Arm hin und führte ihn zu seinem Tisch auf der Terrasse. Steve legte sich neben ihn und seufzte zufrieden. Der Hund war seit ein paar Monaten sein ständiger Begleiter. Als Nicola mit dem Kaffee und einer Schüssel Wasser wiederkam, klingelte Lennards Handy. Es war Sabine, seine Exkollegin, verriet ihm der Klingelton. „Du störst, Sabine“, feixte er ins Telefon, „ich habe gerade einen duftenden Kaffee vor mir.“ Dann schwieg er und hörte Sabine konzentriert zu. „Ist gut, sagte er. „Wo? – Nein! Nicht schon wieder in die Wildnis!“

Lennards Laune war nach dem Telefonat um ein paar Grad gesunken. Sein letzter Fall in der Eifel saß ihm immer noch in den Knochen, damals war er einer Serienmörderin auf die Spur gekommen und selbst in Lebensgefahr geraten. Sein Kaffee war inzwischen lauwarm geworden und schmeckte schal. Steve spürte sofort die Gemütsveränderung seines Herrchens und legte seinen Kopf auf Lennards Knie. Lennard lächelte. „Ich kenne allerdings einen, der sich über eine kleine Landpartie freuen wird“, sagte er in Steves Richtung und streichelte seinen neuen Begleiter. Nach seinem Eifeleinsatz hatte er sich einen Blindenhund zugelegt. Es hatte einige Wochen gedauert, bis die beiden ein eingespieltes Team geworden waren. Lennard war immer wieder überrascht über die Intelligenz seines Hundes. Er wusste zwar, dass Steve eine lange Ausbildungszeit als Blindenhund hinter sich hatte, aber dass er sogar Pfützen erkannte und umging oder seinen Befehlen nicht gehorchte, wenn Lennard sich dadurch in Gefahr gebracht hätte, erstaunte ihn doch. Wie viele nasse Füße und Stolpersituationen hatte er sich seitdem ersparen können. Sicher lenkte ihn sein Hund an Straßenschildern, parkenden Autos oder Tischkanten vorbei und lotste ihn um Schlaglöcher und Schranken herum. In der Straßenbahn fand er einen freien Sitzplatz für Lennard und brachte ihn sicher zum Briefkasten oder zum Zebrastreifen. Lennard konnte sich ein Leben ohne Steve gar nicht mehr vorstellen.

„Komm Steve, wir müssen nach Hause, Koffer packen.“ Lennard stand auf. Er legte das Geld für seinen Kaffee auf den Tisch und winkte in Richtung Eingang. „Machs gut, Lennard“, rief ihm Nicola hinterher.

Vor seiner Haustür wartete Sabine schon auf ihn. Seine frühere Kollegin hatte es eilig. Seit zwei Tagen ermittelte die Hauptkommissarin an diesem Fall und sie kamen keinen Schritt weiter. Das ganze Dorf hüllte sich in Schweigen. „Ich erzähle dir alles, während du packst“, sagte sie, während sie Steve streichelte. Zu dritt stiegen sie in den Aufzug.

„Die beiden Toten waren ein Ehepaar, Gabi und Frank Thielen. Sie hatten einen Bauernhof mit Milchkühen am Rande ihres Dorfes. Ein Jäger hatte die beiden tot auf ihrer Terrasse gefunden. Erschossen. Der oder die Täter hatten kurzen Prozess gemacht und den Hund gleich mit abgeknallt. Die Rekonstruktion der Tat ergab, dass er oder sie zunächst den Hund erschoss, dann den Mann und dann die Frau. Niemand im Dorf hat etwas gesehen oder gehört, scheinbar benutzte der Täter einen Schalldämpfer. Die Schüsse kamen vom gegenüberliegenden Feld, von einem Hochsitz aus. Das war eine geplante Hinrichtung, sehr perfekt organisiert. Zum Zeitpunkt des Mordes war es zehn Uhr am Abend. Es war warm und die Thielens saßen mit einem Glas Wein auf der Terrasse. Kurz nach der Tat wurde es dunkel. Tageszeit und Schalldämpfer lassen darauf schließen, dass der Täter genügend Zeit haben wollte, um etwas zu suchen. Aber wir haben keine Spur. Im Haus scheint nichts zu fehlen, sagt uns der Neffe. Er heißt Thomas Thielen, ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Die Familie wohnt im gleichen Dorf.“ Als Sabine zu Ende erzählt hatte, waren sie bereits auf der Autobahn Richtung Eifel. Lennard spürte, dass die Strecke hügeliger wurde, Sabines BMW hatte ordentlich zu tun, jedes Mal, wenn es bergauf ging. Er öffnete das Fenster ein wenig und machte es sofort wieder zu. Zum Glück hatte er sich einen Pullover mitgebracht, draußen war es merklich kühler geworden. Kurz bevor sie im Dorf ankamen, hielten sie an, weil Steve unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass er dringend an die frische Luft müsse. Lennard öffnete ihm die Tür und bemerkte das Geräusch sofort. Es war eine Art tiefer Dauerbrummton, den er nicht kannte. Dabei war sein Hörsinn viel sensibler geworden, seit er durch eine Explosion während eines Einsatzes vor fast zwölf Jahren sein Augenlicht verloren hatte. Er zuckte kurz zusammen, denn für ein paar Sekunden kam im das Bild der hellen Explosion wieder in den Sinn. Eigentlich dachte er immer seltener daran und hatte sich auch in sein neues Leben sehr gut eingefunden. Manchmal fiel es ihm gar nicht mehr auf, dass er blind war. Und mit Steve hatte dieses positive Gefühl immer mehr Oberhand gewonnen.

Das Geräusch dauerte an. Lennard spürte den Wind, der ihm durch die Haare strich. „Was siehst du, Sabine?“, fragte er. „Woher kommt dieses Geräusch?“ „Wie, welches Geräusch?“ fragte Sabine und einige Sekunden später: „Ach, du meinst die Windräder! Ja, jetzt wo du es sagst! Wir haben gerade ziemlichen Wind hier auf der Anhöhe und die Dinger machen einen ganz schönen Krach, findest du nicht?“

Steve kam zurück von seinem kleinen Spaziergang und weiter ging es. In der Dorfmitte hielt Sabine an. „Wir sind auf einer Art Dorfplatz“, beschrieb sie Lennard. „Vor dir ist der Bäcker, links daneben der Fleischer und hinter dir die Kirche. Das ist schon alles von dem pulsierenden Leben hier. Unser Hotel ist hier rechts.“

Das Hotel war zum Glück auch gleichzeitig Restaurant und es stellte sich heraus, dass es richtig gut war: Lennard und Sabine aßen eine Waldpilzsuppe und danach eine köstliche Forelle, der Forellenteich liege direkt am Dorfausgang, hatte ihnen der Wirt erzählt. „Für so etwas musst du in der Großstadt lange suchen und bezahlst auch gleich noch das Doppelte“. Lennard war wieder versöhnt, auch wenn ihn der Gedanke an eine längere Zeit Landleben nicht gerade fröhlich stimmte.

Danach ging Sabine ins Bett und Lennard gesellte sich zu der Handvoll Männer, die an der Theke saßen. Thekengespräche waren eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, wenn er etwas herausfinden wollte. Seine Blindheit half ihm dabei. Denn in der Regel schien ein Blinder für die meisten Menschen nicht nur nicht sehen zu können, er war nach der ersten Zeit der Unsicherheit auch für sie fast unsichtbar. Zumindest für diejenigen, die ihn nicht kannten, was in diesem Dorf zu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zutraf. So war es auch an diesem Abend. Zunächst verstummte das Gespräch, doch nach einiger Zeit der Stille begannen die Männer wieder, sich zu unterhalten. Im Laufe der Jahre hatte Lennard gelernt, unbekannte Menschen an ihrer Stimme zu erkennen und wiederzuerkennen. Jede Stimme hatte eine eigene Besonderheit. Stimmen berichteten ihm von der Gemütslage des Sprechenden, sie konnten selbstbewusst sein, fröhlich, ängstlich oder nervös, alles hatte vor allem mit der Atmung zu tun. Er hörte, wenn jemand sich nicht richtig wohlfühlte, dann kam die Stimme eher aus dem Hals als aus dem Bauch, klang in der Regel sehr gepresst und die Atmung ging flach. Der Wortführer an der Theke hatte eine tiefe ruhige Stimme. Er schien sich seiner sicher zu sein. Dann war da noch ein Mann mit einem Sprachfehler, der nuschelte. Dies schien ihm aber nichts auszumachen, denn er ließ keine Aussage des Wortführers unkommentiert. Zwei weitere hörten vor allem zu und kommentierten nur manchmal die Aussagen eines der beiden. Der fünfte im Bunde weckte Lennards Aufmerksamkeit. Er sagte wenig, aber wenn er sprach, hatte seine hohe Stimme etwas Flüchtiges, Gepresstes.

Es ging natürlich um den Mord an dem Ehepaar Thielen und ihren Hund. „Ich sag euch, sagte der Mann mit dem Sprachfehler, „das war jemand von der Bürgerinitiative gegen die Windräder. Die Thielens wollten doch ihre Felder an den Windpark verpachten. Zehn von diesen Riesenspargeln wollten die da aufstellen, das ganze Tal voll.“ „Na sieh mal einer an, die Thielens also auch“, sagte der Mann mit der tiefen Stimme. „Mich hatten sie auch gefragt, aber ich habe Nein gesagt. Mit denen mache ich keine Geschäfte. Das sind doch keine Umweltschützer mehr, das sind eiskalte Unternehmer, die mitnehmen, was sie kriegen können. Sie hätten ohne mit der Wimper zu zucken, unser ganzes Tal verschandelt“, und nach ein paar Schlucken Bier: „Ich bin ja auch gegen die Dinger in unserer Natur, aber dass die vor Mord nicht zurückschrecken!“ „Quatsch, ich glaube eher, das war einer der anderen Bauern. Der wollte nicht, dass die Windräder auf den Feldern der Thielens stehen sollen. Einer, der den exzellenten Preis für die Pacht für sich haben wollte“, sagte einer von den Schweigsamen. „Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass es einer von uns war!“ Der mit der hohen Stimme wurde noch aufgeregter. „Micha, mach mal noch fünf Gedecke“, das war die tiefe Stimme. „Wie dem auch sei, ich gehe auf alle Fälle zu der Versammlung morgen. Denen werde ich etwas erzählen! Wenn ich einen kleinen Stall zu nahe am Wald bauen würde, bekäme ich gleich die Polizei an den Hals. Aber denen ist es gestattet, Windräder in die Landschaft zu pflanzen, die höher sind als der Kölner Dom! Und um dahin zu gelangen, bauen sie ganze Straßen durch unsere Wälder. Das ist doch der blanke Hohn!“. Der mit der tiefen Stimme trank sein frisches Bier mit fast einem Zug aus. „Sag mal Tom, weißt du schon, wann die Beerdigung ist?“ „Nein, die von der Gerichtsmedizin geben die beiden noch nicht frei. Selbst den Hund haben sie dabehalten.“ Tom, so hieß also der Nervöse, räusperte sich und trank von seinem Bier. „Stimmt es, dass du der nächste Verwandte von den beiden bist?“, fragte der mit dem Sprachfehler. „Ja, wieso?“, erwiderte Tom. „Ihr wisst doch, dass ich keinen Kontakt mehr zu meinem Onkel und meiner Tante hatte. Den beiden war das Geld etwas zu sehr in den Kopf gestiegen. Er war ein richtiger Ekel und sie dachte doch von jedem, er wolle ihr ihr Geld wegnehmen. So ein misstrauisches Weib! Ich habe für heute genug, ich geh nach Hause, muss morgen früh raus.“

„Ob die beiden ein Testament hinterlassen haben?“ fragte der mit dem Sprachfehler, als Tom die Theke verlassen hatte. „Ja, das wüsste ich auch zu gerne.“, erwiderte der mit der dunklen Stimme.

Danach sprachen die vier über das letzte Formel Eins-Rennen und über Fußball und Lennard überkam die Müdigkeit. Er stand auf und das Gespräch der Gruppe erlosch wieder. „Komm Steve“, wir gehen schlafen, sagte er zu seinem Hund und verließ die Gaststätte. Er hatte für heute genug gehört.

Für ein paar Minuten wollte er noch mit Steve vor die Tür gehen. Die hatten gerade das Gasthaus verlassen, als Steve plötzlich stehen blieb, gerade, als sie am Parkplatz vorbeikamen. „Nun komm Steve, was soll das denn?“, fluchte Lennard, der Hund hätte ihn um ein Haar zu Fall gebracht. Doch da hörte er schon den Grund für die Störrigkeit seines Gefährten. Ein Auto kam scheinbar lautlos aus einer Parklücke herausgeschossen. Wäre Steve nicht stehengeblieben, wäre er direkt in das Auto gelaufen. Keine Chance. Es war eines dieser elektrobetriebenen Autos, die bei Wendemanövern so gut wie keine Geräusche von sich geben. Zumindest keine normalen Motorgeräusche. Die Autos waren extrem leise, es musste schon sehr genau hinhören, um sie zu bemerken. Das war zwar im Grundsatz eine gute Erfindung, Lennard fand auch, dass Autos teilweise viel zu laute Motoren hatten. In seinem Fall aber konnte ein derart leiser Wagen für ihn zu einer großen Gefahr werden. Er streichelte seinen Beschützer und bedankte sich bei ihm. Das war ja noch einmal gut gegangen. „Zurück ins Hotel“, befahl er dem Hund, der sofort kehrtmachte und ihn sicher zur Haustür brachte.

Am nächsten Tag fuhren Sabine und Lennard zum Haus der Thielens. Es war ein warmer Sommertag. Die Sonne schien endlich wieder und es wehte kein Lüftchen. Wie still es hier ist, dachte Lennard, als sie aus dem Auto stiegen. Er ließ Steve von der Leine und ging mit Sabine ins Haus. Dort war es noch stiller. Es roch ein wenig nach Schweiß, so als ob kurze Zeit vorher jemand in den Räumen gewesen war. Er kannte den Geruch, er hatte ihn gestern schon in der Nase gehabt. Der Geruch stammte von Tom, dem Neffen. „Ja, das stimmt, Lennard, wir haben Herrn Thielen erlaubt, das Haus zu betreten, es ist ja im engen Sinne nicht der Tatort. Die beiden wurden ja draußen ermordet, auf der Terrasse. Ich will mir noch einmal den Hochsitz anschauen, von dem aus der Täter auf die beiden gezielt hatte. Wartest du hier im Garten auf mich?“, fragte Sabine und war auch schon verschwunden. Lennard setzte sich auf die Bank am Rande der Terrasse. Er konnte sich nicht helfen, aber er hatte die ganze Zeit das Gefühl, jemand beobachte ihn. Er rief Steve. „Such einen Menschen“, sagte er leise zu Steve und der machte sich sofort auf den Weg. Er führte ihn über den Rasen und an einen Zaun. Dort blieb er stehen und dirigierte Lennard zum Gartentor. Lennard öffnete es und Steve zog ihn weiter über den Weg. Nach hundert Metern blieb er stehen. In diesem Augenblick hörte Lennard wieder das leise Motorengeräusch von gestern. Es musste Tom gewesen sein. Aber warum hatte er so weit vom Haus aus geparkt? Er hätte doch direkt in die Einfahrt fahren können. Lennard schüttelte den Kopf und ging zurück in den Garten. „Hast du das Auto gerade gesehen?“, fragte er Sabine, als sie vom Hochsitz zurückkam. „Ja“, sagte sie. „Es war eines dieser neuen Elektroautos von Renault. Die sind derzeit ja sehr weit in der Entwicklung der Elektorautos. Ich finde das eine gute Sache. Du kannst damit ein paar hundert Kilometer fahren und dann schließt du deinen Wagen einfach an eine Steckdose an und ein paar Stunden später ist dein Wagen aufgetankt. Wenn jemand eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat, ist das doch eine gute Sache.“ „Ja, du hast Recht“, erwiderte Lennard, „nur sind die Wagen so leise, dass ich sie bei anderen Nebengeräuschen nicht mehr hören kann. Das ist der Nachteil. Zum Glück habe ich Steve.“

„War etwas Besonderes auf dem Hochsitz?“, fragte er seine Lieblingsexkollegin. „Es war jemand dort“, sagte sie. „Ich habe Fußabdrücke gesehen. Der Boden war von dem schlechten Wetter in den letzten Tagen noch aufgeweicht. Die Spuren waren relativ frisch, soweit ich das beurteilen kann. Ziemlich kleine Füße, kleiner als meine. Ich würde sagen Schuhgröße 37.“ „Na dann war es Tom bestimmt nicht“, überlegte Lennard laut. „Nein, Tom Thielen ist zwar nicht der Größte, aber seine Schuhgröße ist mindestens 43. Ich habe ihn mir bei unserem letzten Gespräch genau angeschaut, er hatte ganz schön teuere Schuhe an. Komm Lennard, wir müssen los, ich habe einen Termin mit dem Notar Mertes, der das Testament der Thielens verwaltet.“

Sie stiegen wieder ins Auto und fuhren in die Nachbarstadt, in dem der Notar sein Büro hatte. Im Treppenhaus des Bürogebäudes kamen ihnen Thomas Thielen und seine Frau entgegen. Sie stritten sich leise und rauschten an ihnen vorbei, ohne dass sie Notiz von Lennard und Sabine genommen hatten. „Unerhört“, „Schweine“, „Undank“, „dagegen werden wir klagen“, war das, was Lennard an Gesprächsfetzen wahrnahm. „Was war denn das für ein Auftritt?“, Sabine war stehengeblieben. „Die beiden waren ja blass wie die Wand!“. „Tja, wenn du es sagst“, Lennard grinste. „Oh entschuldige Lennard, ich vergesse manchmal einfach, dass du sie ja nicht sehen konntest“. Sabine war betreten. „Macht ja nichts, Bienchen, das ist ja eigentlich ein gutes Zeichen. Und außerdem kannst du ja die Rolle des Sehenden für mich übernehmen.“ Sie betraten das Büro des Notars.

„Die Thielens waren sehr wohlhabend, auch wenn es nicht danach aussah“, erklärte ihnen der Notar. „Allerdings erst seit ein paar Monaten, seit sie ihre Felder an den Windpark verpachtet haben. Das heißt, sie waren vorher auch nicht arm, aber durch dieses Geschäft sind sie richtig reich geworden. Wissen Sie: Wenn jemand Weideland besitzt, es aber nicht benutzt, sondern verpachtet, dann verdient er daran ein paar Hundert Euro Pacht im Jahr. Für das gleiche Land lassen sich aber locker 20.000 Euro verdienen, wenn darauf ein Windrad steht. Die Thielens haben ihr ganzes Land an die Windparkbetreiber verpachtet und sind damit reich geworden. Ihre Rinderzucht betrieben sie nur noch aus Vergnügen.“ „Wow“, Lennard gab einen überraschten Pfeifton von sich. „Das wusste ich nicht. Dass man mit den Dingern so viel Geld verdienen kann!“ „Und wer erbt nun den ganzen Reichtum?“ fragte Sabine den Notar, „der Neffe scheint es nicht zu sein, so wie die beiden aussahen.“ „Doch, der Neffe hat auch etwas geerbt, das Haus zum Beispiel. Aber das wertvolle Land nicht. Das haben die Thielens einer Stiftung übertragen, die sich für die Krebsforschung engagiert.“ „Danke Herr Mertes“, sagte Sabine, „Sie haben uns sehr geholfen“. Sie waren gerade zur Tür heraus, als Lennard sich noch einmal umdrehte: „Sagen Sie, von wann war das Testament eigentlich?“

„Oh, noch gar nicht so alt, die Thielens hatten es bei mir hinterlassen, kurz nachdem sie ihr Land verpachtet hatten. Darin schrieben sie, dass alle anderen Schriftsätze verfallen würden, falls ihnen etwas zustoßen würde. Und nun ist dieser Fall eingetreten.“

Sabine setzte Lennard und Steve am Hotel ab und fuhr weiter in ihr provisorisches Büro bei der örtlichen Polizei. Lennard wollte etwas essen und dann zur offenen Gemeindeversammlung, die im Festsaal des Restaurants stattfinden sollte. Das Restaurant war brechend voll. Es war kein Einzeltisch mehr frei und so führte der Wirt Lennard zu einem großen Tisch, an dem bereits Gäste saßen. Lennard setzte sich und kam sofort mit den jungen Leuten ins Gespräch. „Ich dachte, der Windpark sei schon beschlossene Sache?“ fragte Lennard seine Tischnachbarn. „Nein! Das ist es ja gerade! Im Dorf regt sich der Widerstand dagegen. Aber was wollen die Leute denn? Fragt man sie, sind die meisten gegen Atomkraft und die Abhängigkeit vom Öl. Sollen sie aber einen Beitrag leisten, heißt es, ‚nicht in unserer Gegend‘. Das ist typisch für die Leute: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Einer der Tischnachbarn seufzte.

Die Versammlung verlief so hitzig, wie Lennard es sich vorgestellt hatte. Zwischendurch erkannte er den Mann mit der tiefen Stimme von gestern Abend und den mit dem Sprachfehler wieder. Auch seine Tischnachbarn vom Mittag ergriffen oft das Wort. Ein Argument jagte das nächste und als Lennard die Sitzung verließ, sagte ihm seine sprechende Uhr, dass es schon viertel nach Acht sei. Er hatte nicht viel herausgefunden, außer, dass sich die beiden Gruppen kompromisslos gegenüberstanden und eine Lösung in weiter Ferne war.

Er saß in Gedanken versunken an der Theke, als sein Telefon klingelte. „Komm sofort zum Haus von Thomas Thielen“, sagte Sabine gehetzt, „ich schicke dir einen Wagen. Die beiden hatten einen fürchterlichen Streit und nun hat Tom sich mit seiner Frau auf dem Dachboden verschanzt und droht, erst sie und dann sich umzubringen. Er ist außer sich und scheint keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können.“

Da hörte Lennard auch schon die Sirene des Streifenwagens und machte sich mit Steve auf den Weg nach draußen. Die Thielens hatten ein Haus mitten im Dorf. Der Beamte führte Lennard und Steve durch die Menschenmenge, die sich um das Haus gebildet hatte. Sabine war damit beschäftigt, Verstärkung aus der nächsten Stadt anzufordern. In der Zwischenzeit hatten die wenigen Beamten der Dorfpolizei alle Hände voll zu tun, um die neugierige Menge davon abzuhalten, näherzukommen. „Es scheint immer das Gleiche, sobald etwas vermeintlich Aufregendes passiert, kennen die Menschen keine Manieren mehr und benehmen sich wie sensationsgierige Zombies“, fluchte Sabine. Lennard blieb eine Weile stehen und versuchte so viel wie möglich aufzufassen. Er musste die Geräusche der Schaulustigen ausblenden und seine Aufmerksamkeit auf das Haus lenken. Dort war es auffallend still. „Gib mir das Megafon“, sagte er zu Sabine. „Ich glaube, wir haben keine Zeit mehr, um auf Verstärkung zu warten. Bis ein Psychologe da ist, dauert es sicherlich noch länger als eine halbe Stunde. Soviel Zeit haben wir nicht“. Sabine reichte ihm das Megafon. „Tom, können Sie mich hören? Ich bin Lennard, Sie kennen mich, wir haben gestern zusammen an der Theke gesessen.“ „Gehen Sie weg!“, schrie Tom aus dem Haus. Lennard hörte, dass er sich im Obergeschoss befand. „Wie geht es Ihrer Frau?“, rief Lennard. „Ich bringe sie um und mich gleich dazu“, schrie Tom zurück. „Andrea, können Sie mich hören? Geht es ihnen gut?“, rief Lennard. Er hörte nur ein Wimmern und gleich darauf wieder Toms Stimme: „Hauen Sie ab! Ich meine es ernst“.

„Tom, lassen Sie das, ich weiß, dass Sie es sehr schwer hatten in der letzten Zeit. Sie waren ständig unter Druck und nun können Sie nicht mehr. Alles was Sie jetzt tun, macht alles aber noch viel schlimmer. Ich komme jetzt zu Ihnen rein, denn durch ein solches Megafon redet es sich schlecht.“ Lennard wandte sich an Sabine: „Ich bin mir sicher, dass er mir nichts tut. Er ist außer sich vor Wut, aber er steckt voller Ängste und Skrupel. Er wird mich nicht erschießen“. Sabine nickte. „Ja, du hast wahrscheinlich Recht. Versuch es“. Und zu Steve: „Pass gut auf meinen besten Freund auf, hörst du?“

„Bring mich zur Eingangstür“, befahl Lennard Steve und beide setzten sich langsam in Bewegung. „Mein Kollege kommt jetzt zu Ihnen ins Haus, Herr Thielen“, rief Sabine durch das Megafon. Im gleichen Moment hörten sie die Schüsse. Lennard zählte insgesamt fünf. Danach ein lauter Schrei, der nicht mehr aufzuhören schien. Es war Andrea, die schrie. Sabine rannte an Lennard vorbei die Treppen hoch. Auch Lennard rannte mit Steve ins Obergeschoss des Hauses. Er hörte wieder das Wimmern von vorhin. Es kam aus der hintersten Ecke des Zimmers, es schien das Schlafzimmer zu sein. „Thomas Thielen ist tot, Lennard“, sagte Sabine. „Kommen Sie, Frau Thielen, ich bringe sie nach draußen“. „Sie haben es verdient“, schluchzte Andrea, „sie haben es alle drei verdient. Toms Onkel und Tante, weil sie arrogante und missgünstige Menschen waren. Die beiden waren böse. Seit sie reich waren, haben sie uns im ganzen Dorf schlecht gemacht. Wir hätten es nur auf ihr Geld abgesehen, wir seien Versager. Die haben das extra gemacht mit dem Testament, sie wollten uns bis in den Tod hinein fertigmachen.“ Ihre Stimme wurde fester und klang nun hasserfüllt: „Und Tom war immer zu feige, sich zu wehren. Der hat nichts getan. Aber ich bin nicht so! Ich lass mir doch nicht alles gefallen. Ich wusste, dass die beiden ein Testament in ihrem Haus hinterlegt hatten. Sie haben es ja laut genug jedem erzählt. Wir wären endlich all unsere Sorgen losgeworden. Endlich keine Schulden mehr. Endlich hätten wir das Leben führen können, das wir verdient haben! Den beiden hätte keiner lange nachgetrauert. Sie haben nicht einmal gelitten. Bei mir sitzt jeder Schuss, dafür bin ich bekannt. Und dann taucht da ein neues Testament auf! Diese Schweine! Und Tom steckt wieder den Kopf in den Sand und fügt sich seinem Schicksal. Was für ein Schwachkopf! Und als ich es ihm dann vorgeworfen haben, ist er ausgerastet. Er hat mich geschlagen und beschimpft, so habe ich ihn noch nie gehört. Er war außer sich, der hatte doch nichts mehr unter Kontrolle.“ Ihre Stimme bekam plötzlich etwas Hysterisches. „Aber so etwas lasse ich mir nicht gefallen, ich nicht! Der Idiot hat nicht einmal gemerkt, dass ich die Waffe, die wir immer unter dem Bett hatten, genommen habe. Das war Notwehr, hätte ich nicht geschossen, hätte er mich umgebracht. Was hätte ich denn tun sollen?“

Die Beamten ließen Andrea Thielen gerade in den Streifenwagen steigen, als die angeforderte Verstärkung ankam. Sie waren wirklich schnell an Ort und Stelle gewesen, doch leider zu spät. Lennard hatte sich mit Steve etwas abseits des Geschehens auf eine Mauer gesetzt. Er merkte, dass er sehr müde war und auch Steve war zu seinen Füßen schon eingeschlafen. Als Sabine auf ihn zukam, war es bereits nach Mitternacht. „Komm Lennard, wir bleiben noch bis morgen und fahren dann zurück nach Köln. Vielleicht kriegen wir ja noch ein Bier in der Dorfkneipe.“ „Und wieder einmal ging es nur um das schnöde Geld“, sinnierte Lennard, als sie vor ihrem Bier an der Theke saßen. „Was jetzt wohl aus dem Windpark wird?“

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